U – oder mit Niklas durch Natt och Dag

Ich habe sicherlich in einem meiner Beiträge erwähnt, dass ich eigentlich nicht der passionierte Leser vor Kriminalromanen bin. Das gilt auch grundsätzlich weiterhin, wenn da nur nicht hin und wieder ein historischer Roman auftaucht, den ich als Perle bezeichnen würde. In diesem Beitrag geht es gleich um zwei davon.

Seit 1789 ziehen die Anfänge/Auswirkungen der französischen Revolution auch am europäischen Himmel auf, auch in Schweden.
Der Erbadel wird 1790 in Frankreich abgeschafft und eine Zivilverfassung soll den frz. Klerus und die „revolutionäre Nation“ verschmelzen. Der 1788 ausgebrochene Krieg zwischen Schweden und Russland wird ohne territoriale Veränderungen 1790 ebenfalls beendet. Leopold II. wird in Frankfurt a.M. zum Kaiser des Heiligen Römischen Reichs gewählt. Papst Pius VI verurteilt 1791 die frz. Revolution; der frz. Kaiser versucht zu fliehen, was ein Blutbad auf dem Marsfeld nach sich zieht und der Monarchie in Frankreich den Todesstoß versetzt. König Ludwig XVI wird suspendiert und man erarbeitet eine Verfassung für eine konstituierende Monarchie. 1792 schließen
Preußen und Österreich ein Verteidigungsbündnis gegen Frankreich; die Angst geht im europäischen Adel um. In Schweden wird Gustav III., König von Schweden seit 1771, auf einem Maskenball erschossen. Frankreich erklärt Österreich den Krieg und es kommt zum ersten Koalitionskrieg zwischen den monarchischen Staaten und Frankreich. Franz II. folgt Leopold II. auf dem Kaiserthron und in Frankreich beginnt die zweite Phase der frz. Revolution mit dem Sturm, auf die Tuilerien und in der Folge wird König Ludwig XVI. abgesetzt. In Deutschland prägt die Bewegung des „Sturm und Drang“ das literarische Zeitalter. Die Rationalität derAufklärung und ein Bekenntnis zur Leidenschaft, Phantasie und Imagination greift Platz und lehnt den höfischen Literaturbetrieb ab.
1793 wird König Ludwig XVI. zum Tode verurteilt und in Paris guillotiniert.
In Frankreich herrscht nach der Hinrichtung der Terror der Jakobiner.
Großbritannien schließt sich der Koalition Preußens, Österreichs, Spaniens und den Niederlanden gegen das revolutionäre Frankreich an.


Ich hoffe, ihr verzeiht mir diesen historischen Ausflug in das Europa dieser Zeit; aber es ist für die Romane von Niklas Natt och Dag von Relevanz. Die Kulisse des Europas Ende des 18. Jahrhunderts ist wie ein Bühnenbild für seine Romane 1793 und 1794, die ich heute empfehlen möchte.


Ort der Handlung ist Stockholm. Der Bevölkerung geht es so schlecht wie noch nie. Die Staatskasse ist leer, der Thron ist umkämpft. Die französische Revolution besorgt auch den schwedischen Adel. „Abertausende Gerüchte machen die Runde, wovon mir eins absurder erscheint als das andere. Es ist schier unmöglich, gesicherte Erkenntnisse zu gewinnen“ hält Carl Gustav af Leopold 1793 fest.

Vor dieser unruhigen Kulisse in einem Stockholm, das damals ca. 50. 000 Einwohner hat und eher einer Kloake gleicht, als der heutigen Metropole, geschieht in 1793 ein Mord. Der grausige Fund weckt den Ruf nach Gerechtigkeit und zwei Ermittler, wie sie ungewöhnlicher nicht sein können, sind angespornt, diesen Fall aufzuklären. Der Jurist Cecil Winge und der traumatisierte Veteran Jean Michael Cardell sind ein ungleiches Paar. Der eine, bei der Stockholmer Polizei zuständig für „besondere Verbrechen“, schwindsüchtig und körperlich strapaziert, findet Cardell, ein Säufer mit einem Holzarm, einst Soldat der Artillerie und Stadtknecht der Stadtwache.
Das Opfer, unkenntlich und mit höchster chirurgischer Präzision verstümmelt, wird zur großen Herausforderung der Ermittler.
Ich möchte nicht übertreiben wenn ich sage, dass ich selten ein Buch gelesen habe, bei dem man den Lärm der Stadt, die Gerüche und Ausdünstungen seiner Einwohner, die Angst oder die Spannung nahezu riechen, spüren oder fühlen kann. Enorm dicht erzählt, historisch akribisch recherchiert und mit hoher literarischer Qualität lässt einen das Buch nicht mehr los. Taucht ein in das Stockholm mit dem Fatburen, dem Hamburger Keller, dem Galgenberg, der Polizeikammer, der Marienkirche, dem Gut Speis oder dem gefürchteten Spinnhaus.
Habe ich mich bisher nicht mit dem Schweden dieser Zeit befasst, bin ich froh, dass Niklas Natt och Dag mich dazu eingeladen hat. Der schwedische Krimi hat einen Star geboren.
Der hat uns den Gefallen getan, und gleich seinen Zweitling hinterher geschickt.

1794 frisst in Frankreich die Revolution ihre Kinder. Robespierre und Danton werden hingerichtet, ihnen folgen weitere führende Revolutionäre.
In Stockholm befindet sich der Veteran Jean – Michael Cardell in einem seelischen Tief und lebt in der Gosse. Warum, verrate ich nicht. Die Geschehnisse im Jahr 1793 waren allerdings prägend dafür. Inzwischen ist es jedoch Januar 1794 und der Winter hat Stockholm im Griff und es kommt der Tag, an dem eine Frau Cardell kontaktiert. Ihre Tochter wurde in der Hochzeitsnacht auf grausame Weise getötet. Als Täter wird der frisch angetraute Ehemann identifiziert und in ein Irrenhaus eingewiesen.
Doch die Mutter des Opfers glaubt diese Version nicht und sucht Hilfe bei Cardell. Seine Nachforschungen führen ihn erneut in die Abgründe Stockholms, und er muss feststellen, dass die Stadt verruchter und gefährlicher ist als je zuvor.

Wieder ermitteln Winge und Cardell ohne zu ahnen, welche Abgründe sie erwarten.
Wer mag, wird sofort hineingezogen ins Stockholm des Jahres 1794 und will keine Seite verpassen, um an der Seite der Ermittler in einem beeindruckenden Zeitpanorama dem Täter/den Tätern auf der Spur zu sein.
Niklas Natt och Dag entstammt selber einer der ältesten Adelsfamilien Schwedens und wurde für 1793 unter anderem mit dem schwedischen Krimipreis ausgezeichnet. Und wenn ich es recht gehört habe, kann man sich auf 1795 freuen. In dem Jahr, starb übrigens der schwedische Dichter Carl Michael Bellmann, der gefeiertste Dichter seiner Zeit in Schweden. Sein Werk war auch für Niklas Natt och Dag inspirierend. Daher zum Abschluss ein Gedicht von ihm, dass ein wenig die Stimmung in Stockholm des Jahres 1794 wiedergibt.

“ Setz dich, doch sei auf der Wacht,
sieh dich um, wenn Gläser klingen!
Hinterrücks ein Freund. gib acht,
will dich um dein Leben bringen.!“


Ich wünsche euch ein tolles Leseabenteuer! Skol!

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