U – oder eine kleine literarische Zeitreise

Was ist nur aus meinem Vorsatz geworden, hier in kurzen Abständen für gute Bücher zu werben und euch Tipps zu geben?!
Die Zeit rast und weil dies ein Hobby von mir ist, geht der Job und manche Verpflichtung immer wieder vor. Dennoch gebe ich nicht auf und hole hier und heute etwas nach.
Es ist ja nicht so, dass ich einer meiner Leidenschaften, dem Lesen, nicht nachkommen würde. ich bin nur nicht dazu gekommen, hier meine Empfehlungen weiterzugeben.

Also dann…ich hab da was für euch!

Ihr kennt sicherlich Volker Weidemann…ihr kennt auch Günter Grass und Marcel Reich-Ranicki!
Weidemann ist es gelungen, mit dem Buch „Das Duell“ die wechselseitige Abhängigkeit des großen Dichters und Nobelpreisträgers Grass und des „Kritikerpapstes“ Reich-Ranicki in einer außergewöhnlichen Dichte zu dokumentieren.
Weidemann gelingt es in diesem „Geschichtsbuch“ über zwei der größten Persönlichkeiten der Deutschen Literatur eine Nähe zwicken Leser/Innen und Protagonisten herzustellen, die ihres gleichen sucht. Nahezu so, als ob man bei den Begegnungen und Lebenswegen der beiden als Begleiter dabei ist.
Die ambivalente Beziehung von Reich-Ranicki und Grass hat die Deutsche Literaturszene mehr als fünf Jahrzehnte geprägt. Verrisse, Wut, Rivalität, versöhnliche Treffen, Liebeserklärungen Achtung gehen in dieser Zeit einher. Die späte Offenbarung seiner SS Zugehörigkeit steht im krassen Gegensatz zum Warschauer Ghetto Überlebenden Reich-Ranicki. Ich möchte euch dieses Buch, diese Biografie zweier Männer sehr ans Herz legen. Schuld und Widerstand, Verdrängung und Verletzungen sind ebenso enthalten wie die Liebe zur Literatur.
Volker Weidermann ist es erneut gelungen, Facetten der Deutschen Geschichte in ein großartiges Buch zu gießen und man hat gerne teil.
Also; Tipp Nummer 1: „Das Duell“ von Volker Weidermann

Wer wurde in den letzten Monaten nicht müde über einen schier endlose „Brexit – Debatte“ in Großbritannien.?!
Eine der ältesten Demokratien der Welt lieferte ein Trauerspiel aller erster Güte. Lessing und Hebel hätten eventuell ihre wahre „Freude“ daran gehabt. Europa aber ätzte unter diesem Drama und ich bin auch heute nicht froh darüber, wie das in GB vorging. Es wurde getäuscht und manipuliert, damit das Ziel eines Brexit erreicht wurde. Britische Politiker erschienen wie Gaukler oder Hofnarren.  Premierminister kamen und gingen. Geblieben ist ein bitterer Beigeschmack über den Umgang mit Demokratie und dem Willen des Volkes, bis auch dieses endlich eingeknickt ist. Das alles wird meiner Liebe zum UK keinen Abbruch tun und ich freue mich, irgendwann wieder dort zu sein. Im geliebten Cornwall, im pulsierenden London, in den schottischen Highlands oder im schönen Lake District zum Beispiel.
Um aber die Kurve zur Literatur zu bekommen, hier mein Tipp zum Thema: „Die Kakerlake“ vom großartigen Ian McEwan.
Seine Motivation für dieses bitterböse Buch? „In einer solchen Zeit fragt sich ein  Schriftsteller, was er machen kann. Darauf gibt es nur eine Antwort: schreiben“ ist dem Cover ein Zitat McEwans zu entnehmen.
Und wie er schreibt. Diese Politsatire macht Spaß und ist bitterböse zugleich. “ Diese Novelle ist ein Werk der Fiktion; Namen und Figuren entspringen der Phantasie des Autors, und jede Ähnlichkeit mt lebenden oder toten Kakerlaken wäre rein zufällig“ stellt der Autor vorneweg klar.
Aber man hat Bilder vor Augen; ich jedenfalls. Vielleicht ist es auch eine Art Verneigung vor Kafka und seiner „Verwandlung“. Vielleicht ist dem Autor auch nur der Kragen geplatzt. Auf jeden Fall ist es ein Statement in einer Welt, die Kopf steht. Ihr werdet sehen, wenn ihr es beginnt, wollt ihr es nicht mehr aus der Hand legen. Vom Umfang gar nicht groß, im Tenor einfach brillant.

Also; Tipp Nr. 2: “ Die Kakerlake“ von Ian McEwan!

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Und weiter geht’s.

Olivier Guez ist preisgekrönt und unter anderem Drehbuchautor von “ Der Staat gegen Fritz Bauer“. Dafür erhielt er auch den Deutschen Filmpreis.
Im Jahr 2017 widmete er sich einer finsteren Gestalt der Geschichte:  Josef Mengele.
Mit seinem Roman „Das Verschwinden des Josef Mengele“ versucht Olivier Guez Licht in die dunkelsten Ecken deutscher Nachkriegsgeschichte und darüber hinaus zu bringen.
Sich das Leben eines der fanatischsten und bestialischsten Figuren des NS – Regimes als Thema vorzunehmen, bedingt für mich eine moralische Festigkeit und einen klaren Kompass für Gerechtigkeit.
Es sei “ ein moralisches Kunstwerk“ heißt es in der SZ.  Das weiß ich nicht. Es ist ein moralisches Zeugnis über Menschenverachtung, Rassenwahn, millionenfachen Mord und Mittäterschaft.
Der Roman kommt es zu einer „gefährlichen“ Nähe des Protagonisten und der Moral und Standhaftigkeit des/der Lesers/Leserin. Ja, man ist herausgefordert, dem Stand zu halten.
Aber dieser Herausforderung muss man sich aus meiner Sicht stellen, da sie den eigenen Kompass in den Fragen von Moral, Mitleid, Schuld, Gerechtigkeit auf den Prüfstand stellt.
Ich will dieses Buch umbedingt empfehlen! Ja, es ist nicht trivial oder unterhaltsam. Es ist ein Dokument einer jahrzehntelangen Flucht eines fanatischen Mannes; es bringt und Leser/Innen spürbar nah an diesen Protagonisten heran. Es prüft uns und unsere Wertvorstellungen. Es erläutert, dokumentiert oder spekuliert an der einen oder anderen Stelle, da es ein Roman ist. Aber es macht uns auch klar, dass wir uns auseinandersetzen müssen mit unserer Geschichte; und zwar dauerhaft.

An dieser Stelle hoffe ich jetzt, dass ich euch nicht eher abgeschreckt habe! Nein, ich lade euch ein, dieses großartige Buch zu lesen. Es ist auch eine Art Sittengemälde und über  den Zustand der Gesellschaft dieser Zeit nach dem Krieg und auch der Rolle Südamerikas in der Nachkriegszeit.

Also; Tipp Nr. 3: „Das Verschwinden des Josef Mengele“ von Olivier Guez!

Zum Schluss möchte ich euch noch ein „Kleines Büchlein“ mit großer Kraft empfehlen, dass ich vor kurzem fand. Ich habe euch an dieser Stelle bereits einmal Eric Vuillard und sein Buch „Die Tagesordnung“ empfohlen und wer es gelesen hat, teilt hoffentlich meine Begeisterung für diesen Autor und seiner ganz eigenen literarischen Fertigkeit.

Nun liegt von ihm ein neues “ kleines Büchlein“ vor, dass erneut eine große Kraft in sich hat.

Mit „Der Krieg der Armen“ legt Vuillard eine Art Streitschrift vor; einen Art Diskurs über das Recht der Armen gegen Ausbeutung, Sklaverei, Unterdrückung und Aufbegehren.

Im Zentrum steht der Theologe, Reformator, Utopist, Brandredner und Thomas Müntzer, der sich gegen das Feudalsystem stellte. Dies tat er sowohl mit religiösen als auch weltlichen Argumenten und das immer konsequent. Ein Buch wie ein Denkmal der Literatur für einen Mann, der in den Bauernkriegen auf der Seite der Unterdrückten kämpfte und sein Leben verlor.
Im Zentrum die Frage: Dürfen Arme wütend sein, dürfen die an den Rand gedrängten sich ihre Rechte erkämpfen, notfalls mit Gewalt?
Eine Zeitreise in die Geschichte der Feudalherrschaft Europas und zugleich ein Plädoyer in die Gegenwart, sich mit dem Auseinanderdriften von Arm und Reich auseinanderzusetzen.
64 Seiten glühende Text der sich lohnt.

Also; Tipp Nr 4: „Der Krieg der Armen“ von Eric Vuillard!

Jetzt habe ich einiges nachgeholt an Anregungen und wie immer gilt, es sind Empfehlungen, die in aller Kürze lediglich neugierig machen sollen auf Literatur, wie ich sie mag.
Falls ihr also Interesse habt; kauft Bücher möglichst im örtlichen Buchhandel und ab auf den Lieblingsplatz und eintauchen in andere Welten:

Bis bald!

 

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