U -…es ist Sommer hier oben am Meer..

Ostende, Belgien. Als sich im Sommer 1936 Schriftsteller/Innen treffen, die in Deutschland keine Heimat mehr hatten, lag der 10.Mai 1933 schon drei Jahre hinter ihnen. Der Tag der Bücherverbrennung. Stefan Zweigs Bücher brannten schon früher und zwar in Breslau. Das teilte Joseph Roth seinem Freund Zweig im April 1933 in einem Brief mit. “ Ich sehe, dass wir den Wahnsinn in Deutschland nicht übertönen werden. Ihre Bücher wurden in Breslau verbrannt.“
In Breslau waren die Studenten vorgeprescht. In vielen deutschen Städten warfen Studenten, Bibliothekare, Professoren und SA – Leute in einer der kulturhistorisch dunkelsten Stunde Deutschlands Bücher, die nicht im Einklang mit der diabolischen Ideologie standen, ins Feuer. Über 100 Lebens – und Werkgeschichten, die für immer vernichtet werden sollten. 
Im Sommer 1936 kommen einige Schriftsteller im damals mondänen Badeort Belgiens zusammen, um dort vielleicht ein letztes mal das Leben zu feiern. Verfolgte! Verstoßene! Heimatlose! 
Wäre es eine andere Zeit, wäre es ein Urlaub unter Freunden. Stefan Zweig, Joseph Roth, Irmgard Keun, Egon Erwin Kisch, Ernst Toller oder Hermann Kesten gehören zu dem illustren aber verlorenem Kreis, dessen Hoffnung, Verzweiflung und Liebe die Tage bestimmen.
Volker Weidermann, heute Redakteur beim Spiegel, ist Germanist und Politikwissenschaftler und vielen bekannt als häufig, ob der Zusammensetzung, überforderter Gastgeber des Literarischen Quartetts im ZDF, hat mit Sorgfalt und Vorsicht ein schmales aber eindrucksvolles Buch eine Art Psychogramm einer Gruppe von Menschen erarbeitet, die am Abgrund steht. So oder so ähnlich können sich diese Tage in Ostende abgespielt haben. Man spaziert am Strand, verbringt den Nachmittag auf der breiten Seepromenade oder in einem der weißen Badehäuschen, speist zusammen im Café Flore. Joseph Roth verliebt sich in Irmgard Keun, diese sich in ihn, die Truppe hat ihr Trinkerpärchen gefunden. Ernst Toller schluckt beim Schwimmtraining zu viel Meerwasser, alle lästern über Klaus Mann, der dieses Jahr mal nicht da ist, und auch über dessen Vater, dem sie es übelnehmen, dass er so lange gezögert hat, sich zu den Exilanten zu bekennen. Verzweifelt versucht die Gesellschaft in Urlaubsstimmung zu kommen. Doch die Eindrücke von Vertreibung, von Publikationsverbot, von drohender Deportation und dem sich ankündigenden Krieg dominieren die Gespräche. Die bösen Vorahnungen lassen schon im Juli Spätsommerschwermut aufkommen.
Wie schrieb Roth an Stefan Zweig 1933: “ Machen Sie sich keine Illusion. Es regiert die Hölle.“
Ostende gibt es nicht mehr.  Es gibt heute eine andere, eine neue Stadt, die auch so heißt. 1944 wurde Ostende durch Luftangriffe nahezu vollständig zerstört. 
Was wurde aber aus den Freunden, die sich im Sommer 1936 in Ostende trafen?

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Ich möchte euch dieses Buch empfehlen, weil es nicht nur gut geschrieben und recherchiert ist, sondern weil es auch  ein Beitrag wider das Vergessen ist. Verfemte Schriftsteller haben es verdient, dass man sie entweder lebendig hält oder ihre Werke wiederentdeckt. Es geht weniger um Ruhm und Ehre sondern um Lebendigkeit und Mahnung. 
Volker Weidermann bedient sich dabei stilistisch einer collagenartigen Geschichtsschreibung, die „Gleichzeitigkeit von Ungleichzeitigem“, wie der Autor und Kunsthistoriker Florian Illies diese auch nennt, ist auf dem Literaturmarkt seit einigen Jahren  in Mode und sehr erfolgreich. Die Werke heißen „1913. Sommer des Jahrhunderts“ von ebenjenem Florian Illies, „1926. Ein Jahr am Rand der Zeit“ von Hans Ulrich Gumbrecht oder „1812. Napoleons Feldzug in Russland“ von Adam Zamoyski. Gemeinsam ist ihnen allen die Absicht, das Kleine im Großen zu erzählen. Oder das Große im Kleinen. 

Herbstzeit ist Lesezeit und vielleicht habe ich euer Interesse an diesem Buch geweckt.
Eine kleine Hommage an das Leben in Zeiten des Wahnsinns.
Also kocht euch einen Tee, erobert euren Lieblingsplatz und taucht ein…es ist Sommer in Ostende, die bunten Badehäuser leuchten in der Sonne. Stefan Zweig sitzt im dritten Stock eines weißen Hauses am breiten Boulevard in einer Loggia. Er schaut aufs Meer. Davon hat er immer geträumt….

 

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