Father & Son – ein Edelbordell und eine Stadt voller Kontraste 

Kennt ihr das? Das Gefühl, was anderes sehen zu müssen? Einfach raus, weil einem die Decke auf den Kopf fällt und man neue Eindrücke braucht?
Mir ging es so aus den verschiedensten Gründen. Also hab ich meinen Sohn gefragt, wie es mal wieder mit einer
„Vater – Sohn – Tour“ wäre? Vorlesungsfreie Zeit und der Spaß an unseren gemeinsamen Touren, ließen nicht lange bitten.
Aber wohin? Die paar möglichen Tage sollten nicht durch lange Reisezeiten vertan werden. Also erinnerte sich Sohnemann an seine „Lücken“ beim sammeln europäischer Hauptstädte und schlug Brüssel vor.
„Brüssel?“ dachte ich etwas unsicher, weil erste Gedanken auf die EU oder die NATO entfielen. Beim zweiten Nachdenken allerdings grub das Gedächtnis Bilder von Zunfthäuser, Kathedralen, Plätze oder des Jugendstils hervor.
Also abgemacht, wir fahren nach Brüssel.

Daheim das Hotel gebucht, konnten wir nicht wissen, dass wir damit bereits den ersten bleibenden Eindruck gesichert hatten.
Vor der Abfahrt noch einen kleinen Reiseführer besorgt und los ging es. Und weil es praktisch in die „Nachbarschaft“ ging, waren wir nach entspannten drei Stunden bereits in „Bruxelles“, der Hauptstadt Europas.
Das Hotel zu finden, erwies sich auch als kaum schwierig, wenn auch das Flair dieser Seitenstraße nicht gerade einladend wirkte. Allerdings liegt das “ Le Berger“ nur einen Steinwurf entfernt von Trendplätzen oder Sehenswürdigkeiten, also strategisch günstig.
Was uns die Lektüre unseres Reiseführers jedoch erst offenbarte; das Haus war in den Dreißiger Jahren des 20. Jahrhunderts ein „Edelbordell“ der Bourgeoisie. Plüsch und Kitsch im Hause zeugen noch von dieser Zeit.
Inzwischen ist das Haus liebevoll aufgepeppt und hat eine lobenswerte Weinbar. Wir haben uns dort wohl gefühlt.

Jetzt hier, bei einem Jasmintee, gehen die Gedanken gerne zurück an diese sonnigen Tage in Brüssel.

Das Brüssel der Diplomaten, Lobbyisten und Journalisten ist nur ein Ausschnitt der vielen Facetten der Stadt. Diese „immigrés de luxe“, wie sie die Brüsseler gerne nennen, leben abgesondert in den Villenorten.
Brüssel ist jedoch mehr: Cool, bunt und quirlig. Befrachtet mit Umbrüchen und Widersprüchen – eine Metropole des 21. Jh.
Aber Brüssel verwirrt einen auch. Die Stadt ist offiziell zweisprachig. Zwar spricht die große Mehrheit französisch, aber, so ein Bonmont, nur zwischen 18 und 8 Uhr, denn tagsüber pendeln über 200.000 Flamen zur Arbeit in die Stadt und dann erklingt viel Niederländisch. Wahrgenommen haben wir jedoch auch Arabisch, Türkisch, Polnisch, Spanisch oder Englisch und Kongolesisch.

Die Messe in der sehenswerten Kirche Notre Dame de la Chapelle wird für die polnische Gemeinde auch auf polnisch gehalten, wie wir miterleben durften. Eine stattliche gotische Kirche am Rande des Marolle – Viertels, in der der Künstler Pieter Bruegel d. Ä. begraben liegt.

Natürlich thront über allen Kirchen der Stadt die Kathedrale St. Michel. Außen gotisch, vermischen sich im inneren Elemente aus der Renaissance und dem Barock auf. Die wundervollen Buntfenster der Kathedrale haben die Kriege unversehrt überstanden.

Die Pracht der Kirchen waren Highlights der Tour.

Vor der Absicht, nicht zu lang zu werden und lediglich neugierig machen zu wollen, raffe ich jetzt etwas.

Auf unserer durchweg per pedes vollendeten Stadttour, verbrachten wir einen Tag auch in den Museen der Stadt.
Das Musée Magritte bietet knapp 200 Exponate des Künstlers, der viele Jahre seines Lebens in Brüssel verbracht hat. Ein Muss!
Direkt daneben das königliche Museum der schönen Künste. Für dieses Haus reicht ein Tag eigentlich nicht aus und wer die alten Meister mag, kann sich dort auf Hyronimus Bosch, Memling. Breugel d.Ä., Rubens und viele andere einlassen.

Wir ließen danach bei gutem Kaffee und leckerem Kuchen auf dem Mont des Art die Eindrücke auf uns wirken.

Ach ja, und weil ich ja keine Tour ohne ein gutes Buch mache, begann ich am ersten Abend im Hotel „Place de l Étoile“ von Patrick Modiano zu lesen. So ungewöhnlich Sprache und Phantasien zu einer wahren Orgie geworden sind, so gebannt war ich von diesem Buch bis zum Schluss. Ein sprachlicher Orkan ging über mich hinweg. Ihr müsst es lesen!

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So gut wir abends auch regelmäßig aßen und uns die Vielfalt der Küche gefiel, so sehr freuten wir uns auf den nächsten Tag unserer Tour.

Alle Wege führen zum Grand ‚ Place, diesem architektonischen Wunder mit dem imposanten Rathaus und den schwelgerischen Zunfthäusern. Nicht umsonst nannte Jean Cocteau diesen Platz das „schönste Theater der Welt“.

Boboes, Chansons, Freimaurer, Kongo, Mode, Ökologie, Stadtsucht, göttliche Pracht, königlicher Zauber, Surrealismus, Gaumenfreuden, Jugendstil, EU Parlament, Aperetif zur L’heur Bleue, Centre Ville, Saint Gilles&Ixelles, der Parc d‘ Egmont mit seiner Orangerie, Place du Sablon und so vieles mehr lädt ein, diese Stadt als kulturelles Highlight in Europa lieben zu lernen. und dazu gehören natürlich auch Tim und Struppi, die Brüssel zu einer Hochburg des Comics machten oder Pralinen, Waffeln und belgische Pommes.
Natürlich fehlte auch ein Blick auf das berühmte Manneken Pis nicht. Touristisch völlig überlaufen, besteht die Gefahr, das Manneken  tatsächlich zu übersehen. Eher putzig erinnert es an die Aufmüpfigkeit und Spottsucht der Brüsseler.

Zum Ende hin möchte ich denen, die gerne einmal eine Stadt besuchen um Kultur, Städtebau, Gaumenfreuden genießen zu wollen, Brüssel ans Herz legen.

Wir haben Au revoir gesagt, weil wir nicht das letzte mal dort waren.

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