U`s Tuchfühlung mit W. B. Yeats bei Irving 

Da liest man ein Buch und plötzlich nimmt man einen Stift, ein Blatt Papier und notiert sich eine Textpassage, die einen mit einer gewissen Wucht trifft.

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Bei der Lektüre von „Witwe für ein Jahr“ von John Irving musste ich das genau so tun. Denn mir kamen Sätze unter, die zwar nicht immer von Irving sind, aber im Gesamtkontext des Buches so wunderbar passten, dass sie mich fesselten.
Sicher kommt jetzt Neugierde bei euch auf, oder?

“ Hätt ich die reichgestickten Himmelstücher,
gewirkt aus goldenem und silbernen Licht,
die blauen und die matten und die dunklen Tücher,
von Nacht und Licht und halben Licht.
Ich breitete die Tücher dir zu Füßen;
doch weil ich arm bin, hab ich nur die Träume;
die Träume breit ich aus vor deinen Füßen;
tritt leicht darauf, denn du trittst auf meine Träume.“

Dieses wunderbare Gedicht vom „Armsein“ stammt von dem englischen Dichter William Butler Yeats ( 1865 – 1939) und findet sich in Irvings Roman an exponierter Stelle wieder.

Für mich ist Irving einer der seltenen Autoren, die einem versuchen verloren gegangene Paradiese zurückzugeben. Glaube, Liebe, Hoffnung, der Schmerz einer großen Liebe und ihr Glück, die Einsamkeit der Trauernden ausgelassene Lebenslust, Unbekümmertheit. All das sind Themen die man in diesem Roman findet.

Und wenn es einem dann passiert, dass man einen Text findet, der einen tief berührt, greift man zum Stift und notiert. Ich jedenfalls.

Ihr fragt euch, ist man dann sentimental? Romantisch?

Ich sage euch: Ja! Und das ist gut so; denn in unserer hektischen Welt mit all ihren Egoismen und weit verbreiteten Kälte ruft unser Inneres genau danach. Nach Nähe, Aufmerksamkeit, Geborgenheit, Träumen, Liebe, Verantwortung und dem Bewusstsein von Vergänglichkeit.

Yeats Gedicht „Er wünscht sich die Tücher des Himmels“ jedenfalls hielt Einzug in mein Notizbuch. Warum?

Nun, es gibt auf so wunderbare Weise wieder, was uns vielfach verloren gegangen ist:
Unsere Träume nicht zu verlieren.
Was nützt all der Reichtum, wenn unsere Träume und Sehnsüchte nicht mehr Platz greifen. Ersetzt das Materielle die Sehnsucht nach Liebe und Geborgenheit?
Kann man schöner seine Liebe zu einem anderen Menschen schildern? Ihm seine Träume zu Füßen legen?
Und kann man jemanden schöner darum bitten, vorsichtig mit diesen Träumen umzugehen?
Auch wenn man das Risiko eingeht, enttäuscht und verletzt zu werden?

Ich denke nein und darum steht es auch seit einigen Jahren in meinem Notizbuch! Und es ist übrigens nicht die einzige Passage aus diesem Buch.

Wenn ihr John Irving noch nicht kennt, dann wird es Zeit! „Garp oder wie er die Welt sah“, „Lass die Bären los“,“ Die wilde Geschichte vom Wassertrinker“, „Das Hotel New Hampshire“ oder „Gottes Werk und Teufels Beitrag“ werden euch Freude machen.

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