U – oder mit Niklas durch Natt och Dag

Ich habe sicherlich in einem meiner Beiträge erwähnt, dass ich eigentlich nicht der passionierte Leser vor Kriminalromanen bin. Das gilt auch grundsätzlich weiterhin, wenn da nur nicht hin und wieder ein historischer Roman auftaucht, den ich als Perle bezeichnen würde. In diesem Beitrag geht es gleich um zwei davon.

Seit 1789 ziehen die Anfänge/Auswirkungen der französischen Revolution auch am europäischen Himmel auf, auch in Schweden.
Der Erbadel wird 1790 in Frankreich abgeschafft und eine Zivilverfassung soll den frz. Klerus und die „revolutionäre Nation“ verschmelzen. Der 1788 ausgebrochene Krieg zwischen Schweden und Russland wird ohne territoriale Veränderungen 1790 ebenfalls beendet. Leopold II. wird in Frankfurt a.M. zum Kaiser des Heiligen Römischen Reichs gewählt. Papst Pius VI verurteilt 1791 die frz. Revolution; der frz. Kaiser versucht zu fliehen, was ein Blutbad auf dem Marsfeld nach sich zieht und der Monarchie in Frankreich den Todesstoß versetzt. König Ludwig XVI wird suspendiert und man erarbeitet eine Verfassung für eine konstituierende Monarchie. 1792 schließen
Preußen und Österreich ein Verteidigungsbündnis gegen Frankreich; die Angst geht im europäischen Adel um. In Schweden wird Gustav III., König von Schweden seit 1771, auf einem Maskenball erschossen. Frankreich erklärt Österreich den Krieg und es kommt zum ersten Koalitionskrieg zwischen den monarchischen Staaten und Frankreich. Franz II. folgt Leopold II. auf dem Kaiserthron und in Frankreich beginnt die zweite Phase der frz. Revolution mit dem Sturm, auf die Tuilerien und in der Folge wird König Ludwig XVI. abgesetzt. In Deutschland prägt die Bewegung des „Sturm und Drang“ das literarische Zeitalter. Die Rationalität derAufklärung und ein Bekenntnis zur Leidenschaft, Phantasie und Imagination greift Platz und lehnt den höfischen Literaturbetrieb ab.
1793 wird König Ludwig XVI. zum Tode verurteilt und in Paris guillotiniert.
In Frankreich herrscht nach der Hinrichtung der Terror der Jakobiner.
Großbritannien schließt sich der Koalition Preußens, Österreichs, Spaniens und den Niederlanden gegen das revolutionäre Frankreich an.


Ich hoffe, ihr verzeiht mir diesen historischen Ausflug in das Europa dieser Zeit; aber es ist für die Romane von Niklas Natt och Dag von Relevanz. Die Kulisse des Europas Ende des 18. Jahrhunderts ist wie ein Bühnenbild für seine Romane 1793 und 1794, die ich heute empfehlen möchte.


Ort der Handlung ist Stockholm. Der Bevölkerung geht es so schlecht wie noch nie. Die Staatskasse ist leer, der Thron ist umkämpft. Die französische Revolution besorgt auch den schwedischen Adel. „Abertausende Gerüchte machen die Runde, wovon mir eins absurder erscheint als das andere. Es ist schier unmöglich, gesicherte Erkenntnisse zu gewinnen“ hält Carl Gustav af Leopold 1793 fest.

Vor dieser unruhigen Kulisse in einem Stockholm, das damals ca. 50. 000 Einwohner hat und eher einer Kloake gleicht, als der heutigen Metropole, geschieht in 1793 ein Mord. Der grausige Fund weckt den Ruf nach Gerechtigkeit und zwei Ermittler, wie sie ungewöhnlicher nicht sein können, sind angespornt, diesen Fall aufzuklären. Der Jurist Cecil Winge und der traumatisierte Veteran Jean Michael Cardell sind ein ungleiches Paar. Der eine, bei der Stockholmer Polizei zuständig für „besondere Verbrechen“, schwindsüchtig und körperlich strapaziert, findet Cardell, ein Säufer mit einem Holzarm, einst Soldat der Artillerie und Stadtknecht der Stadtwache.
Das Opfer, unkenntlich und mit höchster chirurgischer Präzision verstümmelt, wird zur großen Herausforderung der Ermittler.
Ich möchte nicht übertreiben wenn ich sage, dass ich selten ein Buch gelesen habe, bei dem man den Lärm der Stadt, die Gerüche und Ausdünstungen seiner Einwohner, die Angst oder die Spannung nahezu riechen, spüren oder fühlen kann. Enorm dicht erzählt, historisch akribisch recherchiert und mit hoher literarischer Qualität lässt einen das Buch nicht mehr los. Taucht ein in das Stockholm mit dem Fatburen, dem Hamburger Keller, dem Galgenberg, der Polizeikammer, der Marienkirche, dem Gut Speis oder dem gefürchteten Spinnhaus.
Habe ich mich bisher nicht mit dem Schweden dieser Zeit befasst, bin ich froh, dass Niklas Natt och Dag mich dazu eingeladen hat. Der schwedische Krimi hat einen Star geboren.
Der hat uns den Gefallen getan, und gleich seinen Zweitling hinterher geschickt.

1794 frisst in Frankreich die Revolution ihre Kinder. Robespierre und Danton werden hingerichtet, ihnen folgen weitere führende Revolutionäre.
In Stockholm befindet sich der Veteran Jean – Michael Cardell in einem seelischen Tief und lebt in der Gosse. Warum, verrate ich nicht. Die Geschehnisse im Jahr 1793 waren allerdings prägend dafür. Inzwischen ist es jedoch Januar 1794 und der Winter hat Stockholm im Griff und es kommt der Tag, an dem eine Frau Cardell kontaktiert. Ihre Tochter wurde in der Hochzeitsnacht auf grausame Weise getötet. Als Täter wird der frisch angetraute Ehemann identifiziert und in ein Irrenhaus eingewiesen.
Doch die Mutter des Opfers glaubt diese Version nicht und sucht Hilfe bei Cardell. Seine Nachforschungen führen ihn erneut in die Abgründe Stockholms, und er muss feststellen, dass die Stadt verruchter und gefährlicher ist als je zuvor.

Wieder ermitteln Winge und Cardell ohne zu ahnen, welche Abgründe sie erwarten.
Wer mag, wird sofort hineingezogen ins Stockholm des Jahres 1794 und will keine Seite verpassen, um an der Seite der Ermittler in einem beeindruckenden Zeitpanorama dem Täter/den Tätern auf der Spur zu sein.
Niklas Natt och Dag entstammt selber einer der ältesten Adelsfamilien Schwedens und wurde für 1793 unter anderem mit dem schwedischen Krimipreis ausgezeichnet. Und wenn ich es recht gehört habe, kann man sich auf 1795 freuen. In dem Jahr, starb übrigens der schwedische Dichter Carl Michael Bellmann, der gefeiertste Dichter seiner Zeit in Schweden. Sein Werk war auch für Niklas Natt och Dag inspirierend. Daher zum Abschluss ein Gedicht von ihm, dass ein wenig die Stimmung in Stockholm des Jahres 1794 wiedergibt.

“ Setz dich, doch sei auf der Wacht,
sieh dich um, wenn Gläser klingen!
Hinterrücks ein Freund. gib acht,
will dich um dein Leben bringen.!“


Ich wünsche euch ein tolles Leseabenteuer! Skol!

U – hat endlich zu Ferdinand gefunden du

Da „wartet“ dieser Mann bis zu seinem 45. Lebensjahr, um seine ersten Kurzgeschichten zu veröffentlichen. Das war im Jahr 2009 und das Buch „Verbrechen“ steht nach seiner Veröffentlichung 61 Wochen auf der Spiegel Bestseller – Liste, was ja nicht automatisch ein Qualitätssiegel sein muss. Das die Rechte an dem Buch auch in über 30 Länder verkauft wurden, macht jedoch deutlich, dass damals etwas besonderes begann.

Ferdinand von Schirach ist auf die literarische Bühne getreten.
Ein Mann, dessen Familiengeschichte nicht frei von starken Eintrübungen und schwarzen Flecken ist, lebt eher zurückgezogen und hat seiner Meinung nach nicht viel mit dem Literaturbetrieb gemein. So weit so gut; wenn da nicht der Literaturbetrieb wäre, der viel mit ihm zu tun haben will.

Die literarische Karriere jedenfalls geht steil nach oben. nach „Verbrechen“ 2009, erscheint 2010 „Schuld“, 2011 „Der Fall Collins“ 2013 „Tabu“, im Jahr 2014 „Die Würde ist antastbar“. Das Theaterstück „Terror“ folgt 2015. Es folgen weitere Bücher und nahezu alle werden Bestseller. gefeiert Theateraufführungen oder ausgezeichnete Verfilmungen entstehen.

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Ich habe nun seinen Roman „Tabu“ gelesen und war von Anfang an begeistert. Klare Sätze, eine schnörkellose Erzählstruktur, starke Protagonisten und ein außerordentlicher Plot machen dieses Buch unbedingt lesenswert.
„Wenn Wirklichkeit und Wahrheit verschiedene Dinge sind“ steht auf dem Buchumschlag. Und genau das ist der Kern, um den es in diesem faszinierenden Roman geht. Ein Justizdrama oder ein Künstlerroman; es ist im Prinzip beides und wenn das niederländische „Dagbladet“ wertet, dieses Buch steht  auf einer Stufe mit dem Besten, was im letzten Jahrhundert in der deutschsprachigen Literatur geschrieben wurde“ wiederhole ich das an dieser Stelle denn es ist sicher zutreffend.
Ein schlecht gelaunter Strafverteidiger Konrad Biegler, der an diversen Allergien leidet und das Rauchen nicht lassen kann, soll einem jungen Künstler helfen, der einem Mordvorwurf ausgesetzt ist. 31 Jahre Erfahrung als Strafverteidiger bedeuten nicht, dass man schon alles erlebt hat, wie dieses Buch zeigt. Ein. junger Künstler, Sebastian von Eschburg,  der ein dramatisches Kindheitstrauma verarbeiten muss, suggeriert mit seiner Arbeit, dass Wirklichkeit und Wahrheit verschiedene Dinge sind. In einem Hinweis am Ende des Buchs heißt es: „Die Ereignisse in diesem Buch beruhen auf wahren Begebenheiten. “ Wirklich?“ fragt Biegler.
The Sunday Times sagt: “ Sehr lesenswert“. Was soll ich da jetzt noch tippen wollen. 
Ich empfehle euch diesen Roman und ihr werdet eintauchen in die literarische Welt von Ferdinand von Schorsch und sie nicht mehr verlassen wollen.

Darum lege ich noch eins nach. Kein Roman, sondern ein Theaterstück dass man sicher gesehen,  aber auch gelesen haben muss! 
„Terror“ ist ein Theaterstück von großer Aktualität. Wofür entscheiden wir uns? Was gilt die Würde des Menschen in konkreter Terrorgefahr? Was ist uns wichtiger, die Freiheit oder die Sicherheit? 

Ein Gerichtsprozess, in dem einem Kampfpiloten der Luftwaffe zigfacher Mord vorgeworfen wird. Entgegen einem Befehl, schießt er eine Passagiermaschine der Lufthansa ab, um zu verhindern, dass die von Terroristen entführte Maschine in die mit 70.000 Menschen vollbesetzte Allianz Arena in München gelenkt wird.
Vor Gericht muss er sich für sein Handeln verantworten.
Und wir werden als Leser nicht nur als Beobachter einbezogen, sondern wir werden Richter, ebenso wie die Zuschauer im Gerichtssaal. Es wird uns nicht abgenommen, eine Meinung zu haben, ein Urteil zu fällen.

Ferdinand von Schirach stellt Fragen wie: „Gibt es Situationen in unserem Leben, in denen es richtig, vernünftig und klug ist, Menschen zu töten?“ 
„Kann der Staat ein Leben gegen ein anderes Leben aufwiegen?“

In seinem aufwühlenden und packenden Theaterstück sind wir eingeladen, uns Gedanken zu machen und fiktiv Verantwortung zu übernehmen. Es gibt kein konkretes Ende, sondern ein offenes. Zwei Urteile sind möglich; zwei Entscheidungen deren Tragweite jeweils groß sind. Wie urteilt ihr wohl? Benthams und Mills Utilitarismus versus Kants kategorischer Imperativ ethischen Handelns. Äußerst spannend und fesselnd.
Ich kann euch wie immer nur einladen und hoffentlich neugierig machen auf einen der spannendsten Autoren der Gegenwart. Taucht ein in die Welt von Ferdinand von Schirach, denn es ist auch unsere Welt.

Also, bemüht den Buchhändler eures Vertrauens, am besten den in eurem Quartier und dann ab auf den Lieblingsplatz. 

 

 

U – oder eine kleine literarische Zeitreise

Was ist nur aus meinem Vorsatz geworden, hier in kurzen Abständen für gute Bücher zu werben und euch Tipps zu geben?!
Die Zeit rast und weil dies ein Hobby von mir ist, geht der Job und manche Verpflichtung immer wieder vor. Dennoch gebe ich nicht auf und hole hier und heute etwas nach.
Es ist ja nicht so, dass ich einer meiner Leidenschaften, dem Lesen, nicht nachkommen würde. ich bin nur nicht dazu gekommen, hier meine Empfehlungen weiterzugeben.

Also dann…ich hab da was für euch!

Ihr kennt sicherlich Volker Weidemann…ihr kennt auch Günter Grass und Marcel Reich-Ranicki!
Weidemann ist es gelungen, mit dem Buch „Das Duell“ die wechselseitige Abhängigkeit des großen Dichters und Nobelpreisträgers Grass und des „Kritikerpapstes“ Reich-Ranicki in einer außergewöhnlichen Dichte zu dokumentieren.
Weidemann gelingt es in diesem „Geschichtsbuch“ über zwei der größten Persönlichkeiten der Deutschen Literatur eine Nähe zwicken Leser/Innen und Protagonisten herzustellen, die ihres gleichen sucht. Nahezu so, als ob man bei den Begegnungen und Lebenswegen der beiden als Begleiter dabei ist.
Die ambivalente Beziehung von Reich-Ranicki und Grass hat die Deutsche Literaturszene mehr als fünf Jahrzehnte geprägt. Verrisse, Wut, Rivalität, versöhnliche Treffen, Liebeserklärungen Achtung gehen in dieser Zeit einher. Die späte Offenbarung seiner SS Zugehörigkeit steht im krassen Gegensatz zum Warschauer Ghetto Überlebenden Reich-Ranicki. Ich möchte euch dieses Buch, diese Biografie zweier Männer sehr ans Herz legen. Schuld und Widerstand, Verdrängung und Verletzungen sind ebenso enthalten wie die Liebe zur Literatur.
Volker Weidermann ist es erneut gelungen, Facetten der Deutschen Geschichte in ein großartiges Buch zu gießen und man hat gerne teil.
Also; Tipp Nummer 1: „Das Duell“ von Volker Weidermann

Wer wurde in den letzten Monaten nicht müde über einen schier endlose „Brexit – Debatte“ in Großbritannien.?!
Eine der ältesten Demokratien der Welt lieferte ein Trauerspiel aller erster Güte. Lessing und Hebel hätten eventuell ihre wahre „Freude“ daran gehabt. Europa aber ätzte unter diesem Drama und ich bin auch heute nicht froh darüber, wie das in GB vorging. Es wurde getäuscht und manipuliert, damit das Ziel eines Brexit erreicht wurde. Britische Politiker erschienen wie Gaukler oder Hofnarren.  Premierminister kamen und gingen. Geblieben ist ein bitterer Beigeschmack über den Umgang mit Demokratie und dem Willen des Volkes, bis auch dieses endlich eingeknickt ist. Das alles wird meiner Liebe zum UK keinen Abbruch tun und ich freue mich, irgendwann wieder dort zu sein. Im geliebten Cornwall, im pulsierenden London, in den schottischen Highlands oder im schönen Lake District zum Beispiel.
Um aber die Kurve zur Literatur zu bekommen, hier mein Tipp zum Thema: „Die Kakerlake“ vom großartigen Ian McEwan.
Seine Motivation für dieses bitterböse Buch? „In einer solchen Zeit fragt sich ein  Schriftsteller, was er machen kann. Darauf gibt es nur eine Antwort: schreiben“ ist dem Cover ein Zitat McEwans zu entnehmen.
Und wie er schreibt. Diese Politsatire macht Spaß und ist bitterböse zugleich. “ Diese Novelle ist ein Werk der Fiktion; Namen und Figuren entspringen der Phantasie des Autors, und jede Ähnlichkeit mt lebenden oder toten Kakerlaken wäre rein zufällig“ stellt der Autor vorneweg klar.
Aber man hat Bilder vor Augen; ich jedenfalls. Vielleicht ist es auch eine Art Verneigung vor Kafka und seiner „Verwandlung“. Vielleicht ist dem Autor auch nur der Kragen geplatzt. Auf jeden Fall ist es ein Statement in einer Welt, die Kopf steht. Ihr werdet sehen, wenn ihr es beginnt, wollt ihr es nicht mehr aus der Hand legen. Vom Umfang gar nicht groß, im Tenor einfach brillant.

Also; Tipp Nr. 2: “ Die Kakerlake“ von Ian McEwan!

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Und weiter geht’s.

Olivier Guez ist preisgekrönt und unter anderem Drehbuchautor von “ Der Staat gegen Fritz Bauer“. Dafür erhielt er auch den Deutschen Filmpreis.
Im Jahr 2017 widmete er sich einer finsteren Gestalt der Geschichte:  Josef Mengele.
Mit seinem Roman „Das Verschwinden des Josef Mengele“ versucht Olivier Guez Licht in die dunkelsten Ecken deutscher Nachkriegsgeschichte und darüber hinaus zu bringen.
Sich das Leben eines der fanatischsten und bestialischsten Figuren des NS – Regimes als Thema vorzunehmen, bedingt für mich eine moralische Festigkeit und einen klaren Kompass für Gerechtigkeit.
Es sei “ ein moralisches Kunstwerk“ heißt es in der SZ.  Das weiß ich nicht. Es ist ein moralisches Zeugnis über Menschenverachtung, Rassenwahn, millionenfachen Mord und Mittäterschaft.
Der Roman kommt es zu einer „gefährlichen“ Nähe des Protagonisten und der Moral und Standhaftigkeit des/der Lesers/Leserin. Ja, man ist herausgefordert, dem Stand zu halten.
Aber dieser Herausforderung muss man sich aus meiner Sicht stellen, da sie den eigenen Kompass in den Fragen von Moral, Mitleid, Schuld, Gerechtigkeit auf den Prüfstand stellt.
Ich will dieses Buch umbedingt empfehlen! Ja, es ist nicht trivial oder unterhaltsam. Es ist ein Dokument einer jahrzehntelangen Flucht eines fanatischen Mannes; es bringt und Leser/Innen spürbar nah an diesen Protagonisten heran. Es prüft uns und unsere Wertvorstellungen. Es erläutert, dokumentiert oder spekuliert an der einen oder anderen Stelle, da es ein Roman ist. Aber es macht uns auch klar, dass wir uns auseinandersetzen müssen mit unserer Geschichte; und zwar dauerhaft.

An dieser Stelle hoffe ich jetzt, dass ich euch nicht eher abgeschreckt habe! Nein, ich lade euch ein, dieses großartige Buch zu lesen. Es ist auch eine Art Sittengemälde und über  den Zustand der Gesellschaft dieser Zeit nach dem Krieg und auch der Rolle Südamerikas in der Nachkriegszeit.

Also; Tipp Nr. 3: „Das Verschwinden des Josef Mengele“ von Olivier Guez!

Zum Schluss möchte ich euch noch ein „Kleines Büchlein“ mit großer Kraft empfehlen, dass ich vor kurzem fand. Ich habe euch an dieser Stelle bereits einmal Eric Vuillard und sein Buch „Die Tagesordnung“ empfohlen und wer es gelesen hat, teilt hoffentlich meine Begeisterung für diesen Autor und seiner ganz eigenen literarischen Fertigkeit.

Nun liegt von ihm ein neues “ kleines Büchlein“ vor, dass erneut eine große Kraft in sich hat.

Mit „Der Krieg der Armen“ legt Vuillard eine Art Streitschrift vor; einen Art Diskurs über das Recht der Armen gegen Ausbeutung, Sklaverei, Unterdrückung und Aufbegehren.

Im Zentrum steht der Theologe, Reformator, Utopist, Brandredner und Thomas Müntzer, der sich gegen das Feudalsystem stellte. Dies tat er sowohl mit religiösen als auch weltlichen Argumenten und das immer konsequent. Ein Buch wie ein Denkmal der Literatur für einen Mann, der in den Bauernkriegen auf der Seite der Unterdrückten kämpfte und sein Leben verlor.
Im Zentrum die Frage: Dürfen Arme wütend sein, dürfen die an den Rand gedrängten sich ihre Rechte erkämpfen, notfalls mit Gewalt?
Eine Zeitreise in die Geschichte der Feudalherrschaft Europas und zugleich ein Plädoyer in die Gegenwart, sich mit dem Auseinanderdriften von Arm und Reich auseinanderzusetzen.
64 Seiten glühende Text der sich lohnt.

Also; Tipp Nr 4: „Der Krieg der Armen“ von Eric Vuillard!

Jetzt habe ich einiges nachgeholt an Anregungen und wie immer gilt, es sind Empfehlungen, die in aller Kürze lediglich neugierig machen sollen auf Literatur, wie ich sie mag.
Falls ihr also Interesse habt; kauft Bücher möglichst im örtlichen Buchhandel und ab auf den Lieblingsplatz und eintauchen in andere Welten:

Bis bald!

 

U – oder warum sich ein Kreis vielleicht nicht immer schließen sollte ?!

Es erscheint schon etwas skurril, wenn ich jetzt gerade hier an meinem Mac sitze und euch ein Buch empfehlen möchte, dass sich unglaublich intensiv und fesselnd mit dem Thema der totalen Vernetzung befasst.
Nach der Lektüre, hat mich ein etwas beklemmendes Gefühl beschlichen. Ich war auf der einen Seite absolut gefesselt von diesem Roman und fragte mich andererseits, ob wir nicht genau auf den Weg dorthin sind; auf dem Weg in eine allumfassende Vernetzung. Auf dem Weg in eine total gläserne  Gesellschaft ?!
Klar, können wir uns Regeln und Grenzen setzen, inwieweit wir dem Mainstream folgen und uns nahezu völlig preisgeben. Jedoch werden wir auch schleichend in diese „schöne neue Welt“ gezogen und manchmal  merken wir es nicht einmal.

2014 hat einer der anspruchsvollsten zeitgenössischen Autoren, Dave Eggers, den Roman “ Der Circle“ veröffentlicht. Ein Bestseller, ein Pageturner aller erster Güte!
Man kann sich diesem Roman kaum entziehen, hat man einmal mit der Lektüre begonnen.
Eine junge Frau, ein hipper Internet – Konzern, der Google, Facebook, Twitter und Apple geschluckt hat und der seine Kunden mit einer einzigen, allumfassenden Internet – Identität ausstattet. Mit dem Wegfall der Anonymität, soll es keinen Schmutz, keine Kriminalität mehr im Internet geben. 

Die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung spricht vom “ Roman unserer Epoche“;Julia Ecke spricht in der FAZ davon, „dass das Leben nach der Lektüre dieses Buches ein anderes sei. Überall meine man, Spuren der Fiktion in der Wirklichkeit zu finden“.Ja, mir ging es auch ein wenig so; man nimmt das smartphone mit etwas anderem Gefühl in die Hand. 

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Spannend, fesselnd, sehr unterhaltsam und immer noch und weiterhin absolut aktuell, dass ist dieses Buch.
„Der Circle“ von Dave Eggers verschlägt einem den Atem. Gebannt geht es Seite um Seite eine eine Welt, der man sich als Leser nicht entziehen kann, obwohl man es gerne will.
Mit jeder Zeile ist man gebannter, fassungsloser, unruhiger, irritiert und ein beklemmendes Gefühl stellt sich ein. Aber mit jeder Zeile will man als Leser/In wissen, wie es weitergeht.

Mae Holland, die Protagonistin, ist eine äußerst ambivalente Figur. In einer Welt von lichtdurchfluteten Büros, High – Class Restaurants, in denen Sterne – Köche kostenlose Mahlzeiten für die Mitarbeiter zaubern, internationale Popstars Gratis – Konzerte für die geben, ständig coole Partys steigen, wird sie zur Mustermitarbeiterin.

Doch was steckt dahinter? Wer steckt dahinter? Wer wird von wem wodurch manipuliert?
Stürzt euch rein in dieses Werk! Lasst euch darauf ein! Seid wachsam! Schärft die Sinne oder besser, dieses Buch schärft eure Sinne, hoffentlich!

Aldous Huxley hat einmal gesagt: 
„Der Glaube an eine größere und bessere Zukunft ist einer der mächtigsten Feinde gegenwärtiger Freiheit“.
Was sagt ihr dazu wohl nach der Lektüre von “ Der Circle“?

Dave Eggers ist Jahrgang 1970, in Chicago geboren, lebt mit Frau und zwei Kindern in Kalifornien,  ist wohl einer der bedeutendsten Autoren unserer Zeit. Seine  Bücher wurden mit zahlreichen literarischen Preisen dekoriert. “ Der Circle“ stand wochenlang auf der Spiegel Bestsellerliste auf Platz 1.

Also, Lieblings – Leseplatz einnehmen, Getränk und kleinen Imbiss bereitstellen, denn, ihr werdet ungern unterbrechen!

 

 

 

U – oder warum es den Himmel auf Erden nicht gab

Eigentlich beginnt alles mit der Niederlage des Kaiserreichs im I. Weltkrieg.
Die Matrosen der Hochseeflotte in Wilhelmshaven weigern sich in eine letzte aussichtslose Schlacht zu ziehen und von da ab verändert sich im Deutschen Reich alles, so auch in Bayern.
Aber was haben Thomas Mann, Klaus Mann, Rainer Maria Rilke, Adolf Hitler, Viktor Klemperer oder Oskar Maria Graf in diesen Tagen gemacht? Wie wurde der Publizist und Pazifist Kurt Eisner erster bayerischer Ministerpräsident, nach dem der bayerische König abgedankt hat und geflohen ist?
Ort der Handlung des aktuellen Buches von Volker Weidemann „Träumer – Als die Dichter die Macht übernahmen“, ist München in der Zeit zwischen November 1918 und April 1919.
Dichter, Schriftsteller, Publizisten übernehmen in München die Macht. Überall in Deutschland werden Soldaten -, Arbeiter – und Bauernräte eingerichtet. Schriftsteller wie Ernst Toller, Gustav Landauer oder Erich Mühsam stehen an der Spitze der Räte und für einen Wimpernschlag in der Geschichte  scheint es, als können Dichter, Träumer und Utopisten radikalen Pazifismus, soziale Gerechtigkeit und die Herrschaft der Fantasie durchsetzen. Ein Traum, Literatur in die Realität umsetzen zu können. Es währte nur einen historischen Augenblick.

Die Revolutionstage in München des Jahres 1918/1919 lässt Volker Weidemann in einem rasantem Tempo und mit viel Sprachwitz lebendig werden. Es ist komisch, atemberaubend und tragisch zugleich, was in diesen turbulenten Tagen in München geschah.
Erzählt wird aus der Perspektive der Protagonisten. Hervorragend recherchiert gelingt es Weidermann, den tragischen Helden von damals Gelegenheit zu geben, die Revolutionstage 1918/1919 in München der Räterepublik zu erzählen. Nahezu ein Thriller.
Von der Euphorie der Anfänge bis zum tragischen Ende vieler Protagonisten dieser Tage, werden wir fast eine Art „Weggefährten“ der Akteure, Teil eines Märchens.
Oft skurril, immer spannend, manchmal komisch erfahren wir aus Briefen und Aufzeichnungen vieler Zeitzeugen, wie sich die Monate der Utopie aus deren Sicht darstellten. München wird zur Bühne eines grotesken Schauspiels und eines Dramas.

Mich hat Volker Weidemann schon mit seinem Buch „Ostende 1936“ gepackt und ich habe es an dieser Stelle bereits auch schon „beworben“.
Mit “ Träumer – Als Dichter die Macht übernahmen“ hat er mich erneut gefesselt.
Also sitze ich jetzt hier an einem kühlen Regentag bei einem englischen Earl Grey, irischem Shortbread und Klaviersonaten von Scarletti und möchte euch wie immer neugierig machen! Neugierig auf ein Buch, das einen hervorragenden Einblick in die Geschehnisse der Tage zwischen November 1918 und April 1919 in München gibt.

Und keine Sorge: Auf keiner Seite Langeweile und am Ende bedauert man, dass es so schnell gelesen ist. Freut euch also auf ein Buch, dass in ähnlicher Form wie Florian Illies 1913 Geschichte lebendig macht.
Also, Buch besorgen, Lieblingsplatz einnehmen und los geht’s.

 

U -…es ist Sommer hier oben am Meer..

Ostende, Belgien. Als sich im Sommer 1936 Schriftsteller/Innen treffen, die in Deutschland keine Heimat mehr hatten, lag der 10.Mai 1933 schon drei Jahre hinter ihnen. Der Tag der Bücherverbrennung. Stefan Zweigs Bücher brannten schon früher und zwar in Breslau. Das teilte Joseph Roth seinem Freund Zweig im April 1933 in einem Brief mit. “ Ich sehe, dass wir den Wahnsinn in Deutschland nicht übertönen werden. Ihre Bücher wurden in Breslau verbrannt.“
In Breslau waren die Studenten vorgeprescht. In vielen deutschen Städten warfen Studenten, Bibliothekare, Professoren und SA – Leute in einer der kulturhistorisch dunkelsten Stunde Deutschlands Bücher, die nicht im Einklang mit der diabolischen Ideologie standen, ins Feuer. Über 100 Lebens – und Werkgeschichten, die für immer vernichtet werden sollten. 
Im Sommer 1936 kommen einige Schriftsteller im damals mondänen Badeort Belgiens zusammen, um dort vielleicht ein letztes mal das Leben zu feiern. Verfolgte! Verstoßene! Heimatlose! 
Wäre es eine andere Zeit, wäre es ein Urlaub unter Freunden. Stefan Zweig, Joseph Roth, Irmgard Keun, Egon Erwin Kisch, Ernst Toller oder Hermann Kesten gehören zu dem illustren aber verlorenem Kreis, dessen Hoffnung, Verzweiflung und Liebe die Tage bestimmen.
Volker Weidermann, heute Redakteur beim Spiegel, ist Germanist und Politikwissenschaftler und vielen bekannt als häufig, ob der Zusammensetzung, überforderter Gastgeber des Literarischen Quartetts im ZDF, hat mit Sorgfalt und Vorsicht ein schmales aber eindrucksvolles Buch eine Art Psychogramm einer Gruppe von Menschen erarbeitet, die am Abgrund steht. So oder so ähnlich können sich diese Tage in Ostende abgespielt haben. Man spaziert am Strand, verbringt den Nachmittag auf der breiten Seepromenade oder in einem der weißen Badehäuschen, speist zusammen im Café Flore. Joseph Roth verliebt sich in Irmgard Keun, diese sich in ihn, die Truppe hat ihr Trinkerpärchen gefunden. Ernst Toller schluckt beim Schwimmtraining zu viel Meerwasser, alle lästern über Klaus Mann, der dieses Jahr mal nicht da ist, und auch über dessen Vater, dem sie es übelnehmen, dass er so lange gezögert hat, sich zu den Exilanten zu bekennen. Verzweifelt versucht die Gesellschaft in Urlaubsstimmung zu kommen. Doch die Eindrücke von Vertreibung, von Publikationsverbot, von drohender Deportation und dem sich ankündigenden Krieg dominieren die Gespräche. Die bösen Vorahnungen lassen schon im Juli Spätsommerschwermut aufkommen.
Wie schrieb Roth an Stefan Zweig 1933: “ Machen Sie sich keine Illusion. Es regiert die Hölle.“
Ostende gibt es nicht mehr.  Es gibt heute eine andere, eine neue Stadt, die auch so heißt. 1944 wurde Ostende durch Luftangriffe nahezu vollständig zerstört. 
Was wurde aber aus den Freunden, die sich im Sommer 1936 in Ostende trafen?

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Ich möchte euch dieses Buch empfehlen, weil es nicht nur gut geschrieben und recherchiert ist, sondern weil es auch  ein Beitrag wider das Vergessen ist. Verfemte Schriftsteller haben es verdient, dass man sie entweder lebendig hält oder ihre Werke wiederentdeckt. Es geht weniger um Ruhm und Ehre sondern um Lebendigkeit und Mahnung. 
Volker Weidermann bedient sich dabei stilistisch einer collagenartigen Geschichtsschreibung, die „Gleichzeitigkeit von Ungleichzeitigem“, wie der Autor und Kunsthistoriker Florian Illies diese auch nennt, ist auf dem Literaturmarkt seit einigen Jahren  in Mode und sehr erfolgreich. Die Werke heißen „1913. Sommer des Jahrhunderts“ von ebenjenem Florian Illies, „1926. Ein Jahr am Rand der Zeit“ von Hans Ulrich Gumbrecht oder „1812. Napoleons Feldzug in Russland“ von Adam Zamoyski. Gemeinsam ist ihnen allen die Absicht, das Kleine im Großen zu erzählen. Oder das Große im Kleinen. 

Herbstzeit ist Lesezeit und vielleicht habe ich euer Interesse an diesem Buch geweckt.
Eine kleine Hommage an das Leben in Zeiten des Wahnsinns.
Also kocht euch einen Tee, erobert euren Lieblingsplatz und taucht ein…es ist Sommer in Ostende, die bunten Badehäuser leuchten in der Sonne. Stefan Zweig sitzt im dritten Stock eines weißen Hauses am breiten Boulevard in einer Loggia. Er schaut aufs Meer. Davon hat er immer geträumt….

 

U -unter Wölfen und Falken

Booker Price 2012 für die Autorin und die Jury erklärt Hilary Mantel zur “ größten englischen Schriftstellerin, die in ihrem Roman “ Wölfe “ die berühmteste Periode der englischen Geschichte auferstehen lässt“.
England im Jahr 1520  befindet sich im Umbruch und der Protagonist des Romans Thomas Cromwell will es nach seinen Vorstellungen formen. Seine Mittel: Bestechung, Einschüchterung und Charme. Und er weiß, dass der Mensch des Menschen Wolf ist.
Ich bin äußerst dankbar für dieses Buch, denn es fesselt von der ersten bis zur letzten Seite.
“ Sperren Sie Cromwell in ein tiefes Verlies – und am Abend sitzt er auf einem Plüschkissen und verspeist Lerchenzungen und alle Aufseher schulden ihm Geld.“
Nur eine von zahlreichen Beschreibungen des Mannes, der aus einfachen Verhältnissen in eines der mächtigsten Ämter Englands wächst. Der König damals: King Henry VIII.
Dieser möchte seine Ehe annullieren lassen, um Anne Boleyn zu heiraten. Henry fordert damit ganz Europa und den Papst heraus. Es entsteht ein Machtvakuum, in das Thomas Cromwell tritt. 
Lest dieses Buch!  Ein großer Roman der zwar Geschichte beschreibt, aber hochaktuell ist.
Spannend, lehrreich und sprachlich einfach grandios führt Hilary Mantel uns in eine atemberaubende Geschichte, die trotz ihrer Bekanntheit, so noch nie erzählt wurde.

 

 Und als wenn das noch nicht reicht, geht Hilary Mantel in Ihrer Fortsetzung auf den Höhepunkt ihres Könnens. “ Falken “ konnte man kaum erwarten. Wie geht es weiter mit Thomas Cromwell im Zentrum der Macht? 
“ Sieh meinen Sohn böse an, und er sticht dir ein Auge aus. Stell ihm ein Bein, und er schneidet es dir ab“ sagt sein Vater über den jungen Cromwell. 35 Jahre danach hat Thomas Cromwell die bescheidenen Verhältnissen des Elternhauses verlassen. Sein Aufstieg am Hofe verläuft parallel zu dem von Anne Boleyn, Henrys Zweiter Frau, deretwegen dieser mit Rom bricht und eine eigene Kirche gegründet hat.  Aber England gerät dadurch ins Abseits und auch seine zweite Frau schenkt ihm keinen Thronfolger. In Wolf Hall verliebt er sich nun in Jane Seymour. Cromwell erkennt, was auf dem Spiel steht; nicht nur das Wohl des Königs, sondern das der gesamten Nation . Cromwell muss Fallstricke entwirren und Intrigen spinnen und durchschauen. Ergibt keine Schonung für Minister oder König im blutigen Drama um Annes letzten Tage.
Hilary Mantel beschriebt auch in diesem Buch in großartiger Form eines der erschreckendsten Kapitel der englischen Geschichte: die Zerstörung Anne Boleyns.

Ich möchte euch diese beiden Bücher wärmstens empfehlen. Es sind nicht nur historische Romane. Es sind literarische Monumente einer großartigen Schriftstellerin und ich warte schon länger und ungeduldig auf den dritten Band.

“ Bin ich nicht wie andere Männer? Nein? Nein?“ fragt Henry VIII den kaiserlichen Botschafter Eustace Chapuys.
Lest selber und bildet euch eine Meinung! Lasst euch verschlingen von Cromwell, Henry, Anne, Jane, Katharina, Kardinal Wolsey und viele viele andere Protagonisten eines tollen Lesevergnügens.
Also, Bücher besorgen, Lieblingsplatz einnehmen und abtauchen in ein unglaubliches Leseabenteuer, von dem ihr noch länger schwärmen werdet! 

 

 

 

U meint – dieses Buch ist kein Risiko!

Eine deutsch – türkische Orientexpedition bricht im Ersten Weltkrieg zu einem Abenteuer auf, das man opulenter kaum erzählen kann. Blendend recherchiert und in einer wahren Bilderflut erzählt der Autor Steffen Kopetzky davon, wie ein junger Marinefunker sich als Funkoffizier einer geheimen Expedition anschließt, die die Aufgabe hat, den Emir von Afghanistan und die Stämme der Paschtunen im Namen des Islam zum Angriff auf Britisch – Indien zu bewegen.

Arabien, Ägypten, Sudan, Persien und sogar Afghanistan, haben die Lunten und Zünder des Krieges der europäischen Großmächte erreicht. 
Afghanistan, das Land, das zuvor noch kein Deutscher oder Österreicher betreten hat, war die Bestimmung dieser Expedition. 
Nach dem Hatschi Wilhelm el – Almani, Sultan von Deutschland, besser bekannt als Kaiser Wilhelm II. nach einer geheim durchgeführten Wallfahrt nach Mekka geschworen hat, der Beschützer aller dreihundert Millionen Moslems zu sein und zusammen mit Sultan Mehmet Rest, dem wahren Kalifen, die ungläubigen Imperialisten aus den Ländern der Gläubigen zu vertreiben, nimmt dieses Abenteuer seine wilde Fahrt auf.

Absurd? Vielleicht; aber vor ca. 100 Jahren soll es sich so oder so ähnlich abgespielt haben.
Egal wie, dieses Buch ist ein absoluter Page – Turner, eine Zeitreise, die virtuos mit der Geschichte umgeht. Nur wer denkt, es wäre eine Art Kriegsroman, der irrt sich und beraubt sich eines Vergnügens, das seinesgleichen sucht.
Der Diplomat, Orientalist und Archäologe Max von Oppenheim leitet  zu Beginn des Ersten Weltkrieges die Nachrichtenstelle für den Orient im Auswärtigen Amt. Gemeinsam mit Oskar Niedermeyer soll er  die Muslime zum Krieg anstacheln und gegen ihre Kolonialherren in Stellung bringen und initiiert hierzu eine wagemutige Expedition.
Noch bevor von Oppenheim und seine Motivation in seinem Berliner Amtssitz dargestellt wird, haben LeserInnen bereits den Protagonisten kennengelernt. Der junge Sebastian Stichnote, Marinefunker und zentrale Figur des Romans, tritt den LeserInnen zu Beginn in einem Prolog gegenüber. In einer dramatischen Lage geht der allwissende Erzähler dann dazu über, rückblickend ein virtuoses Gemälde der Geschehnisse bis dahin zu erzählen.
Stichnote führt die Leser/Innen von Beginn an durch dieses hervorragend konzipierte Dickicht aus Namen, Orten und Begebenheiten. Starke Figuren treten auf wie der eitle Schweizer Journalist Zickler von der NZZ,  der britische Spion Aschraf, der die Expedition infiltriert, in welchem Zusammenhang taucht Lucien Camus auf, Vater von Albert Camus?  Welche Rolle spielt Karl Dönitz, der spätere Admiral in diesem Abenteuer? Alle Figuren, die in diesem Buch vorkommen zu erwähnen, würde den Rahmen sprengen. Spielt die Liebe eine Rolle?
Der Autor hat zehn Jahre an diesem Buch gearbeitet und wenn man es schließt, was man eigentlich gar nicht möchte, versteht man warum. Neben starken Figuren zeichnet Kopetzky nahezu plastisch Bilder von orientalischen Ländern, Wüsten, Bergregionen, Dörfern, Farben oder Gerüchen; man hat mitunter das Gefühl vor Ort zu sein und dieser Expedition und den Abenteuern der Akteure in Körpernähe zu folgen. Ich war diesem Abenteuer zu jederzeit gerne auf der Spur.

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Wie immer möchte ich nicht weiter ins Detail gehen, da es lediglich mein Anliegen ist, euch neugierig zu machen. Wer Lust auf einen historischen Roman hat, der an Farbigkeit, Detailkenntnis, Sprachgewalt und Bilderreichtum und Spannung kaum zu überbieten sind, der sollte ins Risiko gehen und dieses Buch lesen. Taucht ein in ein fantastisches Abenteuer, für dass der Autor Steffen Kopetzky auf der Longlist für den Deutschen Buchpreis gelandet ist. 
Also, Lieblingsplatz einnehmen, Versorgung sichern und eintauchen. Ihr werdet es nicht bereuen!

U – und 118 Seiten Atemlosigkeit!

Jetzt habe ich es doch nicht geschafft, in kürzeren Abständen meine Beiträge einzustellen. Ich bedauere dies selber am meisten, ist es doch so, dass man seine Leseerlebnisse zeitnah mit anderen teilen möchte.
Dies ändert allerdings nichts daran, dass auch dieser Beitrag euch neugierig machen soll auf ein Buch, das neu ist und das ich eher beim Stöbern gefunden habe, von dem ich allerdings völlig begeistert bin.
Wieder ist es ein Franzose, der mich gepackt hat. Er nimmt ein Treffen vom 20. Februar 1933 zum Anlass und zum Ausgangspunkt, uns, in einem wahren Husarenritt, teilhaben zu lassen an Mutlosigkeit, Ignoranz, Resignation, Nachgiebigkeit und Erpressungen in Hinterzimmern der Geschichte.
Wer jetzt denkt, dass es sich mal wieder um einen Roman über „Nazi – Deutschland“ handelt und dies ermüdend fände, dem sei rasch zugerufen: “ Nein, bleib hier und nimm dieses Buch in die Hand! Du wirst es nicht bereuen. Schon gar nicht wirst du moralisch belehrt werden oder schon oft gelesenes vorfinden. Du wirst vielleicht etwas außer Atem kommen; vielleicht auch etwas verärgert sein über das Scheitern anderer. Vielleicht wirst du auch mitfiebern in der Hoffnung, Geschichte möge sich doch noch ändern lassen. Du wirst dich vielleicht aufregen oder möchtest die Protagonisten retten oder richten. Du wirst Emotionen durchleben und doch nichts mehr ändern können, denn die Geschichte lässt sich nicht ändern.

Èric Vuillard lässt zu Beginn seines Buches “ Die Tagesordnung“ den 20. Februar 1933 aufleben.  Reichstagspräsident Hermann Göring hat 24 hochrangige Vertreter der Industrie zu einem Treffen mit Adolf Hitler eingeladen. Der Auftakt zu einer Tour durch die Hinterzimmer der Macht in Europa, in denen wichtige Momente der Geschichte stattfanden und die Èric Vuillard meisterhaft und mit ironischem Biss erzählt. Kein Roman, sondern eher ein neues Genre. Fesselnd und atemlos folgt man ihm durch Berlin, London und Wien. Man ist auf dem Berghof und leidet mit Österreichs Kanzler Schuschnigg. Man verzweifelt an den einfältigen Engländern und möchte Lord Chamberlain gerne etwas einflüstern. Man möchte einiges tun, wenn man dieses Buch liest. Doch lässt sich nichts ändern. Man ist ganz dicht dabei, glaubt man. „Schuschnigg, hör mir zu..ich will dir helfen…“. Lord Chamberlain, please listen to me!!“
Welt, hättest du doch besser aufgepasst und anders gehandelt.
Èric Vuillard hat für dieses eher kleine, aber äußerst rasante Buch den „Prix Goncourt“ erhalten, den wichtigsten französischen Literaturpreis. Er reiht sich somit ein in die Riege großartiger Schriftsteller wie Houellebecq, Little oder Leila Slimani und vieler mehr.
Ich bin Vuillard dankbar für dieses Buch. Ein schmales Buch! Ein notwendiges Buch!
Ein tolles Buch!
Also dann los! Holt es euch; ab auf den Lieblingsplatz und taucht ein! Ich verspreche euch, es lohnt sich!

U – „Angenehm sind die erledigten Arbeiten. Jucindi acti labores (Cicero)!“

Vor einiger Zeit, habe ich euch hier Rom empfohlen. Die ewige Stadt. Eines meiner Sehnsuchtsziele. Eine wunderbare Stadt, in die ich gerne wieder reisen möchte.
Schon damals war Robert Harris ein Teil der Reise. Der britische Schriftsteller, der auch Journalist und Sachbuchautor ist, steht für hochklassige Romane mit größt möglicher Faktentreue. Seine Romane „Vaterland“, „Ghost“, „Enigma“, „Aurora“ oder „Pompeji“, heimsten verschiedene Preise ein. Für die Verfilmung von „Ghost“ erhielt er gemeinsam mit Roman Polanski den Europäischen Filmpreis für das Drehbuch oder den International Thriller Award.
Ich möchte euch aber an dieser Stelle seine Cicero – Trilogie mit den Romanen „Imperium“, „Titan“ und „Dictator“ dringend empfehlen.


Marcus Tullius Cicero: Römer! Bürger! Senator! Redner! Jurist!Philosoph! Denker!
Eine der größten Persönlichkeiten des antiken Roms.
Er stellte Ansprüche an die Menschen und sagte ihnen, dass sie sich um ihren Nächsten kümmern sollen, auch um ihren Staat. Sein Einsatz galt immer dem Erhalt der Republik und der Freiheit!
Doch dann kam Gaius Julius Caesar.  Er war es, dem der letzte große Kampf Ciceros galt. Zum Erhalt der römischen Republik und Verhinderung einer Diktatur, setzte Cicero sein Leben auf`s Spiel.

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Und was macht Robert Harris daraus? Eine atemberaubende und äußerst spannende Zeitreise ins antike Rom. Mir war es in Rom so, als kämen mir Cicero oder andere Protagonisten jener Zeit in den Gassen entgegen. So saugt Harris einen in seine Trilogie.
Rom wird lebendig. Cicero wird lebendig. Seine Intelligenz, seine Hinterlist, seine Überzeugungen, seine legendäre Redekunst, seine Eitelkeit und viele andere Fähigkeiten oder auch Schwächen packt Robert Harris in drei Romane, die spannender kaum sein können.
War Cicero ein Held? War er ein Opportunist? War er korrupt? War er ein Träumer? War er ein besserer Politiker oder eher Philosoph? War er besser als Redner oder Jurist? War er ein Freiheitskämpfer? War er dies alles und manches mehr?

Ich möchte euch heute hier empfehlen, sich dieser opulenten Trilogie zu nähern. Ihr werdet nicht los lassen können. Robert Harris zieht euch in seinen Bann und damit auch in den Bann Ciceros.

In „Imperium“ startet Cicero als junger Anwalt, intelligent, sensibel und ehrgeizig. Seine gefährlichste Waffe ist das Wort.
In „Titan“ hat er sich durch Geschick und Redetalent an die Spitze der Macht gebracht. Er ist Konsul von Rom. Intrigen, Korruption und Verschwörungen machen ihm seine Regentschaft jedoch schwer und er befindet sich in Lebensgefahr.
„Dictator“ schließt die Trilogie. Verbannung, Verlust und viele große Momente der Menschheitsgeschichte lassen das alte Rom auferstehen. Ein Finale furioso!
Selten waren historische Romane so aktuell wie diese. Warum aktuell? Lest es und ihr könnt so manchen Bezug zu moderner Politik finden. Und wie immer, belasse ich es bei dieser kurzen Empfehlung, die nur entsteht, um eure Neugierde zu wecken.
Traut euch! Es gibt kaum bessere historische Romane!

Und wenn ihr dann einmal in Rom seid, sucht die alten Stätten auf und gebt eurer Phantasie freien Lauf. Vielleicht sehr ihr ihn ja…Cicero…auf dem Kapitol oder Palatin…und vielleicht hört ihr ihn ja auch, wenn er sagt:

“ Dum spiro, spero“! ….solange ich atme, hoffe ich!