U – hat endlich zu Ferdinand gefunden du

Da „wartet“ dieser Mann bis zu seinem 45. Lebensjahr, um seine ersten Kurzgeschichten zu veröffentlichen. Das war im Jahr 2009 und das Buch „Verbrechen“ steht nach seiner Veröffentlichung 61 Wochen auf der Spiegel Bestseller – Liste, was ja nicht automatisch ein Qualitätssiegel sein muss. Das die Rechte an dem Buch auch in über 30 Länder verkauft wurden, macht jedoch deutlich, dass damals etwas besonderes begann.

Ferdinand von Schirach ist auf die literarische Bühne getreten.
Ein Mann, dessen Familiengeschichte nicht frei von starken Eintrübungen und schwarzen Flecken ist, lebt eher zurückgezogen und hat seiner Meinung nach nicht viel mit dem Literaturbetrieb gemein. So weit so gut; wenn da nicht der Literaturbetrieb wäre, der viel mit ihm zu tun haben will.

Die literarische Karriere jedenfalls geht steil nach oben. nach „Verbrechen“ 2009, erscheint 2010 „Schuld“, 2011 „Der Fall Collins“ 2013 „Tabu“, im Jahr 2014 „Die Würde ist antastbar“. Das Theaterstück „Terror“ folgt 2015. Es folgen weitere Bücher und nahezu alle werden Bestseller. gefeiert Theateraufführungen oder ausgezeichnete Verfilmungen entstehen.

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Ich habe nun seinen Roman „Tabu“ gelesen und war von Anfang an begeistert. Klare Sätze, eine schnörkellose Erzählstruktur, starke Protagonisten und ein außerordentlicher Plot machen dieses Buch unbedingt lesenswert.
„Wenn Wirklichkeit und Wahrheit verschiedene Dinge sind“ steht auf dem Buchumschlag. Und genau das ist der Kern, um den es in diesem faszinierenden Roman geht. Ein Justizdrama oder ein Künstlerroman; es ist im Prinzip beides und wenn das niederländische „Dagbladet“ wertet, dieses Buch steht  auf einer Stufe mit dem Besten, was im letzten Jahrhundert in der deutschsprachigen Literatur geschrieben wurde“ wiederhole ich das an dieser Stelle denn es ist sicher zutreffend.
Ein schlecht gelaunter Strafverteidiger Konrad Biegler, der an diversen Allergien leidet und das Rauchen nicht lassen kann, soll einem jungen Künstler helfen, der einem Mordvorwurf ausgesetzt ist. 31 Jahre Erfahrung als Strafverteidiger bedeuten nicht, dass man schon alles erlebt hat, wie dieses Buch zeigt. Ein. junger Künstler, Sebastian von Eschburg,  der ein dramatisches Kindheitstrauma verarbeiten muss, suggeriert mit seiner Arbeit, dass Wirklichkeit und Wahrheit verschiedene Dinge sind. In einem Hinweis am Ende des Buchs heißt es: „Die Ereignisse in diesem Buch beruhen auf wahren Begebenheiten. “ Wirklich?“ fragt Biegler.
The Sunday Times sagt: “ Sehr lesenswert“. Was soll ich da jetzt noch tippen wollen. 
Ich empfehle euch diesen Roman und ihr werdet eintauchen in die literarische Welt von Ferdinand von Schorsch und sie nicht mehr verlassen wollen.

Darum lege ich noch eins nach. Kein Roman, sondern ein Theaterstück dass man sicher gesehen,  aber auch gelesen haben muss! 
„Terror“ ist ein Theaterstück von großer Aktualität. Wofür entscheiden wir uns? Was gilt die Würde des Menschen in konkreter Terrorgefahr? Was ist uns wichtiger, die Freiheit oder die Sicherheit? 

Ein Gerichtsprozess, in dem einem Kampfpiloten der Luftwaffe zigfacher Mord vorgeworfen wird. Entgegen einem Befehl, schießt er eine Passagiermaschine der Lufthansa ab, um zu verhindern, dass die von Terroristen entführte Maschine in die mit 70.000 Menschen vollbesetzte Allianz Arena in München gelenkt wird.
Vor Gericht muss er sich für sein Handeln verantworten.
Und wir werden als Leser nicht nur als Beobachter einbezogen, sondern wir werden Richter, ebenso wie die Zuschauer im Gerichtssaal. Es wird uns nicht abgenommen, eine Meinung zu haben, ein Urteil zu fällen.

Ferdinand von Schirach stellt Fragen wie: „Gibt es Situationen in unserem Leben, in denen es richtig, vernünftig und klug ist, Menschen zu töten?“ 
„Kann der Staat ein Leben gegen ein anderes Leben aufwiegen?“

In seinem aufwühlenden und packenden Theaterstück sind wir eingeladen, uns Gedanken zu machen und fiktiv Verantwortung zu übernehmen. Es gibt kein konkretes Ende, sondern ein offenes. Zwei Urteile sind möglich; zwei Entscheidungen deren Tragweite jeweils groß sind. Wie urteilt ihr wohl? Benthams und Mills Utilitarismus versus Kants kategorischer Imperativ ethischen Handelns. Äußerst spannend und fesselnd.
Ich kann euch wie immer nur einladen und hoffentlich neugierig machen auf einen der spannendsten Autoren der Gegenwart. Taucht ein in die Welt von Ferdinand von Schirach, denn es ist auch unsere Welt.

Also, bemüht den Buchhändler eures Vertrauens, am besten den in eurem Quartier und dann ab auf den Lieblingsplatz. 

 

 

U – oder eine kleine literarische Zeitreise

Was ist nur aus meinem Vorsatz geworden, hier in kurzen Abständen für gute Bücher zu werben und euch Tipps zu geben?!
Die Zeit rast und weil dies ein Hobby von mir ist, geht der Job und manche Verpflichtung immer wieder vor. Dennoch gebe ich nicht auf und hole hier und heute etwas nach.
Es ist ja nicht so, dass ich einer meiner Leidenschaften, dem Lesen, nicht nachkommen würde. ich bin nur nicht dazu gekommen, hier meine Empfehlungen weiterzugeben.

Also dann…ich hab da was für euch!

Ihr kennt sicherlich Volker Weidemann…ihr kennt auch Günter Grass und Marcel Reich-Ranicki!
Weidemann ist es gelungen, mit dem Buch „Das Duell“ die wechselseitige Abhängigkeit des großen Dichters und Nobelpreisträgers Grass und des „Kritikerpapstes“ Reich-Ranicki in einer außergewöhnlichen Dichte zu dokumentieren.
Weidemann gelingt es in diesem „Geschichtsbuch“ über zwei der größten Persönlichkeiten der Deutschen Literatur eine Nähe zwicken Leser/Innen und Protagonisten herzustellen, die ihres gleichen sucht. Nahezu so, als ob man bei den Begegnungen und Lebenswegen der beiden als Begleiter dabei ist.
Die ambivalente Beziehung von Reich-Ranicki und Grass hat die Deutsche Literaturszene mehr als fünf Jahrzehnte geprägt. Verrisse, Wut, Rivalität, versöhnliche Treffen, Liebeserklärungen Achtung gehen in dieser Zeit einher. Die späte Offenbarung seiner SS Zugehörigkeit steht im krassen Gegensatz zum Warschauer Ghetto Überlebenden Reich-Ranicki. Ich möchte euch dieses Buch, diese Biografie zweier Männer sehr ans Herz legen. Schuld und Widerstand, Verdrängung und Verletzungen sind ebenso enthalten wie die Liebe zur Literatur.
Volker Weidermann ist es erneut gelungen, Facetten der Deutschen Geschichte in ein großartiges Buch zu gießen und man hat gerne teil.
Also; Tipp Nummer 1: „Das Duell“ von Volker Weidermann

Wer wurde in den letzten Monaten nicht müde über einen schier endlose „Brexit – Debatte“ in Großbritannien.?!
Eine der ältesten Demokratien der Welt lieferte ein Trauerspiel aller erster Güte. Lessing und Hebel hätten eventuell ihre wahre „Freude“ daran gehabt. Europa aber ätzte unter diesem Drama und ich bin auch heute nicht froh darüber, wie das in GB vorging. Es wurde getäuscht und manipuliert, damit das Ziel eines Brexit erreicht wurde. Britische Politiker erschienen wie Gaukler oder Hofnarren.  Premierminister kamen und gingen. Geblieben ist ein bitterer Beigeschmack über den Umgang mit Demokratie und dem Willen des Volkes, bis auch dieses endlich eingeknickt ist. Das alles wird meiner Liebe zum UK keinen Abbruch tun und ich freue mich, irgendwann wieder dort zu sein. Im geliebten Cornwall, im pulsierenden London, in den schottischen Highlands oder im schönen Lake District zum Beispiel.
Um aber die Kurve zur Literatur zu bekommen, hier mein Tipp zum Thema: „Die Kakerlake“ vom großartigen Ian McEwan.
Seine Motivation für dieses bitterböse Buch? „In einer solchen Zeit fragt sich ein  Schriftsteller, was er machen kann. Darauf gibt es nur eine Antwort: schreiben“ ist dem Cover ein Zitat McEwans zu entnehmen.
Und wie er schreibt. Diese Politsatire macht Spaß und ist bitterböse zugleich. “ Diese Novelle ist ein Werk der Fiktion; Namen und Figuren entspringen der Phantasie des Autors, und jede Ähnlichkeit mt lebenden oder toten Kakerlaken wäre rein zufällig“ stellt der Autor vorneweg klar.
Aber man hat Bilder vor Augen; ich jedenfalls. Vielleicht ist es auch eine Art Verneigung vor Kafka und seiner „Verwandlung“. Vielleicht ist dem Autor auch nur der Kragen geplatzt. Auf jeden Fall ist es ein Statement in einer Welt, die Kopf steht. Ihr werdet sehen, wenn ihr es beginnt, wollt ihr es nicht mehr aus der Hand legen. Vom Umfang gar nicht groß, im Tenor einfach brillant.

Also; Tipp Nr. 2: “ Die Kakerlake“ von Ian McEwan!

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Und weiter geht’s.

Olivier Guez ist preisgekrönt und unter anderem Drehbuchautor von “ Der Staat gegen Fritz Bauer“. Dafür erhielt er auch den Deutschen Filmpreis.
Im Jahr 2017 widmete er sich einer finsteren Gestalt der Geschichte:  Josef Mengele.
Mit seinem Roman „Das Verschwinden des Josef Mengele“ versucht Olivier Guez Licht in die dunkelsten Ecken deutscher Nachkriegsgeschichte und darüber hinaus zu bringen.
Sich das Leben eines der fanatischsten und bestialischsten Figuren des NS – Regimes als Thema vorzunehmen, bedingt für mich eine moralische Festigkeit und einen klaren Kompass für Gerechtigkeit.
Es sei “ ein moralisches Kunstwerk“ heißt es in der SZ.  Das weiß ich nicht. Es ist ein moralisches Zeugnis über Menschenverachtung, Rassenwahn, millionenfachen Mord und Mittäterschaft.
Der Roman kommt es zu einer „gefährlichen“ Nähe des Protagonisten und der Moral und Standhaftigkeit des/der Lesers/Leserin. Ja, man ist herausgefordert, dem Stand zu halten.
Aber dieser Herausforderung muss man sich aus meiner Sicht stellen, da sie den eigenen Kompass in den Fragen von Moral, Mitleid, Schuld, Gerechtigkeit auf den Prüfstand stellt.
Ich will dieses Buch umbedingt empfehlen! Ja, es ist nicht trivial oder unterhaltsam. Es ist ein Dokument einer jahrzehntelangen Flucht eines fanatischen Mannes; es bringt und Leser/Innen spürbar nah an diesen Protagonisten heran. Es prüft uns und unsere Wertvorstellungen. Es erläutert, dokumentiert oder spekuliert an der einen oder anderen Stelle, da es ein Roman ist. Aber es macht uns auch klar, dass wir uns auseinandersetzen müssen mit unserer Geschichte; und zwar dauerhaft.

An dieser Stelle hoffe ich jetzt, dass ich euch nicht eher abgeschreckt habe! Nein, ich lade euch ein, dieses großartige Buch zu lesen. Es ist auch eine Art Sittengemälde und über  den Zustand der Gesellschaft dieser Zeit nach dem Krieg und auch der Rolle Südamerikas in der Nachkriegszeit.

Also; Tipp Nr. 3: „Das Verschwinden des Josef Mengele“ von Olivier Guez!

Zum Schluss möchte ich euch noch ein „Kleines Büchlein“ mit großer Kraft empfehlen, dass ich vor kurzem fand. Ich habe euch an dieser Stelle bereits einmal Eric Vuillard und sein Buch „Die Tagesordnung“ empfohlen und wer es gelesen hat, teilt hoffentlich meine Begeisterung für diesen Autor und seiner ganz eigenen literarischen Fertigkeit.

Nun liegt von ihm ein neues “ kleines Büchlein“ vor, dass erneut eine große Kraft in sich hat.

Mit „Der Krieg der Armen“ legt Vuillard eine Art Streitschrift vor; einen Art Diskurs über das Recht der Armen gegen Ausbeutung, Sklaverei, Unterdrückung und Aufbegehren.

Im Zentrum steht der Theologe, Reformator, Utopist, Brandredner und Thomas Müntzer, der sich gegen das Feudalsystem stellte. Dies tat er sowohl mit religiösen als auch weltlichen Argumenten und das immer konsequent. Ein Buch wie ein Denkmal der Literatur für einen Mann, der in den Bauernkriegen auf der Seite der Unterdrückten kämpfte und sein Leben verlor.
Im Zentrum die Frage: Dürfen Arme wütend sein, dürfen die an den Rand gedrängten sich ihre Rechte erkämpfen, notfalls mit Gewalt?
Eine Zeitreise in die Geschichte der Feudalherrschaft Europas und zugleich ein Plädoyer in die Gegenwart, sich mit dem Auseinanderdriften von Arm und Reich auseinanderzusetzen.
64 Seiten glühende Text der sich lohnt.

Also; Tipp Nr 4: „Der Krieg der Armen“ von Eric Vuillard!

Jetzt habe ich einiges nachgeholt an Anregungen und wie immer gilt, es sind Empfehlungen, die in aller Kürze lediglich neugierig machen sollen auf Literatur, wie ich sie mag.
Falls ihr also Interesse habt; kauft Bücher möglichst im örtlichen Buchhandel und ab auf den Lieblingsplatz und eintauchen in andere Welten:

Bis bald!

 

U – oder warum sich ein Kreis vielleicht nicht immer schließen sollte ?!

Es erscheint schon etwas skurril, wenn ich jetzt gerade hier an meinem Mac sitze und euch ein Buch empfehlen möchte, dass sich unglaublich intensiv und fesselnd mit dem Thema der totalen Vernetzung befasst.
Nach der Lektüre, hat mich ein etwas beklemmendes Gefühl beschlichen. Ich war auf der einen Seite absolut gefesselt von diesem Roman und fragte mich andererseits, ob wir nicht genau auf den Weg dorthin sind; auf dem Weg in eine allumfassende Vernetzung. Auf dem Weg in eine total gläserne  Gesellschaft ?!
Klar, können wir uns Regeln und Grenzen setzen, inwieweit wir dem Mainstream folgen und uns nahezu völlig preisgeben. Jedoch werden wir auch schleichend in diese „schöne neue Welt“ gezogen und manchmal  merken wir es nicht einmal.

2014 hat einer der anspruchsvollsten zeitgenössischen Autoren, Dave Eggers, den Roman “ Der Circle“ veröffentlicht. Ein Bestseller, ein Pageturner aller erster Güte!
Man kann sich diesem Roman kaum entziehen, hat man einmal mit der Lektüre begonnen.
Eine junge Frau, ein hipper Internet – Konzern, der Google, Facebook, Twitter und Apple geschluckt hat und der seine Kunden mit einer einzigen, allumfassenden Internet – Identität ausstattet. Mit dem Wegfall der Anonymität, soll es keinen Schmutz, keine Kriminalität mehr im Internet geben. 

Die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung spricht vom “ Roman unserer Epoche“;Julia Ecke spricht in der FAZ davon, „dass das Leben nach der Lektüre dieses Buches ein anderes sei. Überall meine man, Spuren der Fiktion in der Wirklichkeit zu finden“.Ja, mir ging es auch ein wenig so; man nimmt das smartphone mit etwas anderem Gefühl in die Hand. 

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Spannend, fesselnd, sehr unterhaltsam und immer noch und weiterhin absolut aktuell, dass ist dieses Buch.
„Der Circle“ von Dave Eggers verschlägt einem den Atem. Gebannt geht es Seite um Seite eine eine Welt, der man sich als Leser nicht entziehen kann, obwohl man es gerne will.
Mit jeder Zeile ist man gebannter, fassungsloser, unruhiger, irritiert und ein beklemmendes Gefühl stellt sich ein. Aber mit jeder Zeile will man als Leser/In wissen, wie es weitergeht.

Mae Holland, die Protagonistin, ist eine äußerst ambivalente Figur. In einer Welt von lichtdurchfluteten Büros, High – Class Restaurants, in denen Sterne – Köche kostenlose Mahlzeiten für die Mitarbeiter zaubern, internationale Popstars Gratis – Konzerte für die geben, ständig coole Partys steigen, wird sie zur Mustermitarbeiterin.

Doch was steckt dahinter? Wer steckt dahinter? Wer wird von wem wodurch manipuliert?
Stürzt euch rein in dieses Werk! Lasst euch darauf ein! Seid wachsam! Schärft die Sinne oder besser, dieses Buch schärft eure Sinne, hoffentlich!

Aldous Huxley hat einmal gesagt: 
„Der Glaube an eine größere und bessere Zukunft ist einer der mächtigsten Feinde gegenwärtiger Freiheit“.
Was sagt ihr dazu wohl nach der Lektüre von “ Der Circle“?

Dave Eggers ist Jahrgang 1970, in Chicago geboren, lebt mit Frau und zwei Kindern in Kalifornien,  ist wohl einer der bedeutendsten Autoren unserer Zeit. Seine  Bücher wurden mit zahlreichen literarischen Preisen dekoriert. “ Der Circle“ stand wochenlang auf der Spiegel Bestsellerliste auf Platz 1.

Also, Lieblings – Leseplatz einnehmen, Getränk und kleinen Imbiss bereitstellen, denn, ihr werdet ungern unterbrechen!

 

 

 

U – oder warum es den Himmel auf Erden nicht gab

Eigentlich beginnt alles mit der Niederlage des Kaiserreichs im I. Weltkrieg.
Die Matrosen der Hochseeflotte in Wilhelmshaven weigern sich in eine letzte aussichtslose Schlacht zu ziehen und von da ab verändert sich im Deutschen Reich alles, so auch in Bayern.
Aber was haben Thomas Mann, Klaus Mann, Rainer Maria Rilke, Adolf Hitler, Viktor Klemperer oder Oskar Maria Graf in diesen Tagen gemacht? Wie wurde der Publizist und Pazifist Kurt Eisner erster bayerischer Ministerpräsident, nach dem der bayerische König abgedankt hat und geflohen ist?
Ort der Handlung des aktuellen Buches von Volker Weidemann „Träumer – Als die Dichter die Macht übernahmen“, ist München in der Zeit zwischen November 1918 und April 1919.
Dichter, Schriftsteller, Publizisten übernehmen in München die Macht. Überall in Deutschland werden Soldaten -, Arbeiter – und Bauernräte eingerichtet. Schriftsteller wie Ernst Toller, Gustav Landauer oder Erich Mühsam stehen an der Spitze der Räte und für einen Wimpernschlag in der Geschichte  scheint es, als können Dichter, Träumer und Utopisten radikalen Pazifismus, soziale Gerechtigkeit und die Herrschaft der Fantasie durchsetzen. Ein Traum, Literatur in die Realität umsetzen zu können. Es währte nur einen historischen Augenblick.

Die Revolutionstage in München des Jahres 1918/1919 lässt Volker Weidemann in einem rasantem Tempo und mit viel Sprachwitz lebendig werden. Es ist komisch, atemberaubend und tragisch zugleich, was in diesen turbulenten Tagen in München geschah.
Erzählt wird aus der Perspektive der Protagonisten. Hervorragend recherchiert gelingt es Weidermann, den tragischen Helden von damals Gelegenheit zu geben, die Revolutionstage 1918/1919 in München der Räterepublik zu erzählen. Nahezu ein Thriller.
Von der Euphorie der Anfänge bis zum tragischen Ende vieler Protagonisten dieser Tage, werden wir fast eine Art „Weggefährten“ der Akteure, Teil eines Märchens.
Oft skurril, immer spannend, manchmal komisch erfahren wir aus Briefen und Aufzeichnungen vieler Zeitzeugen, wie sich die Monate der Utopie aus deren Sicht darstellten. München wird zur Bühne eines grotesken Schauspiels und eines Dramas.

Mich hat Volker Weidemann schon mit seinem Buch „Ostende 1936“ gepackt und ich habe es an dieser Stelle bereits auch schon „beworben“.
Mit “ Träumer – Als Dichter die Macht übernahmen“ hat er mich erneut gefesselt.
Also sitze ich jetzt hier an einem kühlen Regentag bei einem englischen Earl Grey, irischem Shortbread und Klaviersonaten von Scarletti und möchte euch wie immer neugierig machen! Neugierig auf ein Buch, das einen hervorragenden Einblick in die Geschehnisse der Tage zwischen November 1918 und April 1919 in München gibt.

Und keine Sorge: Auf keiner Seite Langeweile und am Ende bedauert man, dass es so schnell gelesen ist. Freut euch also auf ein Buch, dass in ähnlicher Form wie Florian Illies 1913 Geschichte lebendig macht.
Also, Buch besorgen, Lieblingsplatz einnehmen und los geht’s.

 

U -…es ist Sommer hier oben am Meer..

Ostende, Belgien. Als sich im Sommer 1936 Schriftsteller/Innen treffen, die in Deutschland keine Heimat mehr hatten, lag der 10.Mai 1933 schon drei Jahre hinter ihnen. Der Tag der Bücherverbrennung. Stefan Zweigs Bücher brannten schon früher und zwar in Breslau. Das teilte Joseph Roth seinem Freund Zweig im April 1933 in einem Brief mit. “ Ich sehe, dass wir den Wahnsinn in Deutschland nicht übertönen werden. Ihre Bücher wurden in Breslau verbrannt.“
In Breslau waren die Studenten vorgeprescht. In vielen deutschen Städten warfen Studenten, Bibliothekare, Professoren und SA – Leute in einer der kulturhistorisch dunkelsten Stunde Deutschlands Bücher, die nicht im Einklang mit der diabolischen Ideologie standen, ins Feuer. Über 100 Lebens – und Werkgeschichten, die für immer vernichtet werden sollten. 
Im Sommer 1936 kommen einige Schriftsteller im damals mondänen Badeort Belgiens zusammen, um dort vielleicht ein letztes mal das Leben zu feiern. Verfolgte! Verstoßene! Heimatlose! 
Wäre es eine andere Zeit, wäre es ein Urlaub unter Freunden. Stefan Zweig, Joseph Roth, Irmgard Keun, Egon Erwin Kisch, Ernst Toller oder Hermann Kesten gehören zu dem illustren aber verlorenem Kreis, dessen Hoffnung, Verzweiflung und Liebe die Tage bestimmen.
Volker Weidermann, heute Redakteur beim Spiegel, ist Germanist und Politikwissenschaftler und vielen bekannt als häufig, ob der Zusammensetzung, überforderter Gastgeber des Literarischen Quartetts im ZDF, hat mit Sorgfalt und Vorsicht ein schmales aber eindrucksvolles Buch eine Art Psychogramm einer Gruppe von Menschen erarbeitet, die am Abgrund steht. So oder so ähnlich können sich diese Tage in Ostende abgespielt haben. Man spaziert am Strand, verbringt den Nachmittag auf der breiten Seepromenade oder in einem der weißen Badehäuschen, speist zusammen im Café Flore. Joseph Roth verliebt sich in Irmgard Keun, diese sich in ihn, die Truppe hat ihr Trinkerpärchen gefunden. Ernst Toller schluckt beim Schwimmtraining zu viel Meerwasser, alle lästern über Klaus Mann, der dieses Jahr mal nicht da ist, und auch über dessen Vater, dem sie es übelnehmen, dass er so lange gezögert hat, sich zu den Exilanten zu bekennen. Verzweifelt versucht die Gesellschaft in Urlaubsstimmung zu kommen. Doch die Eindrücke von Vertreibung, von Publikationsverbot, von drohender Deportation und dem sich ankündigenden Krieg dominieren die Gespräche. Die bösen Vorahnungen lassen schon im Juli Spätsommerschwermut aufkommen.
Wie schrieb Roth an Stefan Zweig 1933: “ Machen Sie sich keine Illusion. Es regiert die Hölle.“
Ostende gibt es nicht mehr.  Es gibt heute eine andere, eine neue Stadt, die auch so heißt. 1944 wurde Ostende durch Luftangriffe nahezu vollständig zerstört. 
Was wurde aber aus den Freunden, die sich im Sommer 1936 in Ostende trafen?

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Ich möchte euch dieses Buch empfehlen, weil es nicht nur gut geschrieben und recherchiert ist, sondern weil es auch  ein Beitrag wider das Vergessen ist. Verfemte Schriftsteller haben es verdient, dass man sie entweder lebendig hält oder ihre Werke wiederentdeckt. Es geht weniger um Ruhm und Ehre sondern um Lebendigkeit und Mahnung. 
Volker Weidermann bedient sich dabei stilistisch einer collagenartigen Geschichtsschreibung, die „Gleichzeitigkeit von Ungleichzeitigem“, wie der Autor und Kunsthistoriker Florian Illies diese auch nennt, ist auf dem Literaturmarkt seit einigen Jahren  in Mode und sehr erfolgreich. Die Werke heißen „1913. Sommer des Jahrhunderts“ von ebenjenem Florian Illies, „1926. Ein Jahr am Rand der Zeit“ von Hans Ulrich Gumbrecht oder „1812. Napoleons Feldzug in Russland“ von Adam Zamoyski. Gemeinsam ist ihnen allen die Absicht, das Kleine im Großen zu erzählen. Oder das Große im Kleinen. 

Herbstzeit ist Lesezeit und vielleicht habe ich euer Interesse an diesem Buch geweckt.
Eine kleine Hommage an das Leben in Zeiten des Wahnsinns.
Also kocht euch einen Tee, erobert euren Lieblingsplatz und taucht ein…es ist Sommer in Ostende, die bunten Badehäuser leuchten in der Sonne. Stefan Zweig sitzt im dritten Stock eines weißen Hauses am breiten Boulevard in einer Loggia. Er schaut aufs Meer. Davon hat er immer geträumt….

 

U -unter Wölfen und Falken

Booker Price 2012 für die Autorin und die Jury erklärt Hilary Mantel zur “ größten englischen Schriftstellerin, die in ihrem Roman “ Wölfe “ die berühmteste Periode der englischen Geschichte auferstehen lässt“.
England im Jahr 1520  befindet sich im Umbruch und der Protagonist des Romans Thomas Cromwell will es nach seinen Vorstellungen formen. Seine Mittel: Bestechung, Einschüchterung und Charme. Und er weiß, dass der Mensch des Menschen Wolf ist.
Ich bin äußerst dankbar für dieses Buch, denn es fesselt von der ersten bis zur letzten Seite.
“ Sperren Sie Cromwell in ein tiefes Verlies – und am Abend sitzt er auf einem Plüschkissen und verspeist Lerchenzungen und alle Aufseher schulden ihm Geld.“
Nur eine von zahlreichen Beschreibungen des Mannes, der aus einfachen Verhältnissen in eines der mächtigsten Ämter Englands wächst. Der König damals: King Henry VIII.
Dieser möchte seine Ehe annullieren lassen, um Anne Boleyn zu heiraten. Henry fordert damit ganz Europa und den Papst heraus. Es entsteht ein Machtvakuum, in das Thomas Cromwell tritt. 
Lest dieses Buch!  Ein großer Roman der zwar Geschichte beschreibt, aber hochaktuell ist.
Spannend, lehrreich und sprachlich einfach grandios führt Hilary Mantel uns in eine atemberaubende Geschichte, die trotz ihrer Bekanntheit, so noch nie erzählt wurde.

 

 Und als wenn das noch nicht reicht, geht Hilary Mantel in Ihrer Fortsetzung auf den Höhepunkt ihres Könnens. “ Falken “ konnte man kaum erwarten. Wie geht es weiter mit Thomas Cromwell im Zentrum der Macht? 
“ Sieh meinen Sohn böse an, und er sticht dir ein Auge aus. Stell ihm ein Bein, und er schneidet es dir ab“ sagt sein Vater über den jungen Cromwell. 35 Jahre danach hat Thomas Cromwell die bescheidenen Verhältnissen des Elternhauses verlassen. Sein Aufstieg am Hofe verläuft parallel zu dem von Anne Boleyn, Henrys Zweiter Frau, deretwegen dieser mit Rom bricht und eine eigene Kirche gegründet hat.  Aber England gerät dadurch ins Abseits und auch seine zweite Frau schenkt ihm keinen Thronfolger. In Wolf Hall verliebt er sich nun in Jane Seymour. Cromwell erkennt, was auf dem Spiel steht; nicht nur das Wohl des Königs, sondern das der gesamten Nation . Cromwell muss Fallstricke entwirren und Intrigen spinnen und durchschauen. Ergibt keine Schonung für Minister oder König im blutigen Drama um Annes letzten Tage.
Hilary Mantel beschriebt auch in diesem Buch in großartiger Form eines der erschreckendsten Kapitel der englischen Geschichte: die Zerstörung Anne Boleyns.

Ich möchte euch diese beiden Bücher wärmstens empfehlen. Es sind nicht nur historische Romane. Es sind literarische Monumente einer großartigen Schriftstellerin und ich warte schon länger und ungeduldig auf den dritten Band.

“ Bin ich nicht wie andere Männer? Nein? Nein?“ fragt Henry VIII den kaiserlichen Botschafter Eustace Chapuys.
Lest selber und bildet euch eine Meinung! Lasst euch verschlingen von Cromwell, Henry, Anne, Jane, Katharina, Kardinal Wolsey und viele viele andere Protagonisten eines tollen Lesevergnügens.
Also, Bücher besorgen, Lieblingsplatz einnehmen und abtauchen in ein unglaubliches Leseabenteuer, von dem ihr noch länger schwärmen werdet! 

 

 

 

U meint – dieses Buch ist kein Risiko!

Eine deutsch – türkische Orientexpedition bricht im Ersten Weltkrieg zu einem Abenteuer auf, das man opulenter kaum erzählen kann. Blendend recherchiert und in einer wahren Bilderflut erzählt der Autor Steffen Kopetzky davon, wie ein junger Marinefunker sich als Funkoffizier einer geheimen Expedition anschließt, die die Aufgabe hat, den Emir von Afghanistan und die Stämme der Paschtunen im Namen des Islam zum Angriff auf Britisch – Indien zu bewegen.

Arabien, Ägypten, Sudan, Persien und sogar Afghanistan, haben die Lunten und Zünder des Krieges der europäischen Großmächte erreicht. 
Afghanistan, das Land, das zuvor noch kein Deutscher oder Österreicher betreten hat, war die Bestimmung dieser Expedition. 
Nach dem Hatschi Wilhelm el – Almani, Sultan von Deutschland, besser bekannt als Kaiser Wilhelm II. nach einer geheim durchgeführten Wallfahrt nach Mekka geschworen hat, der Beschützer aller dreihundert Millionen Moslems zu sein und zusammen mit Sultan Mehmet Rest, dem wahren Kalifen, die ungläubigen Imperialisten aus den Ländern der Gläubigen zu vertreiben, nimmt dieses Abenteuer seine wilde Fahrt auf.

Absurd? Vielleicht; aber vor ca. 100 Jahren soll es sich so oder so ähnlich abgespielt haben.
Egal wie, dieses Buch ist ein absoluter Page – Turner, eine Zeitreise, die virtuos mit der Geschichte umgeht. Nur wer denkt, es wäre eine Art Kriegsroman, der irrt sich und beraubt sich eines Vergnügens, das seinesgleichen sucht.
Der Diplomat, Orientalist und Archäologe Max von Oppenheim leitet  zu Beginn des Ersten Weltkrieges die Nachrichtenstelle für den Orient im Auswärtigen Amt. Gemeinsam mit Oskar Niedermeyer soll er  die Muslime zum Krieg anstacheln und gegen ihre Kolonialherren in Stellung bringen und initiiert hierzu eine wagemutige Expedition.
Noch bevor von Oppenheim und seine Motivation in seinem Berliner Amtssitz dargestellt wird, haben LeserInnen bereits den Protagonisten kennengelernt. Der junge Sebastian Stichnote, Marinefunker und zentrale Figur des Romans, tritt den LeserInnen zu Beginn in einem Prolog gegenüber. In einer dramatischen Lage geht der allwissende Erzähler dann dazu über, rückblickend ein virtuoses Gemälde der Geschehnisse bis dahin zu erzählen.
Stichnote führt die Leser/Innen von Beginn an durch dieses hervorragend konzipierte Dickicht aus Namen, Orten und Begebenheiten. Starke Figuren treten auf wie der eitle Schweizer Journalist Zickler von der NZZ,  der britische Spion Aschraf, der die Expedition infiltriert, in welchem Zusammenhang taucht Lucien Camus auf, Vater von Albert Camus?  Welche Rolle spielt Karl Dönitz, der spätere Admiral in diesem Abenteuer? Alle Figuren, die in diesem Buch vorkommen zu erwähnen, würde den Rahmen sprengen. Spielt die Liebe eine Rolle?
Der Autor hat zehn Jahre an diesem Buch gearbeitet und wenn man es schließt, was man eigentlich gar nicht möchte, versteht man warum. Neben starken Figuren zeichnet Kopetzky nahezu plastisch Bilder von orientalischen Ländern, Wüsten, Bergregionen, Dörfern, Farben oder Gerüchen; man hat mitunter das Gefühl vor Ort zu sein und dieser Expedition und den Abenteuern der Akteure in Körpernähe zu folgen. Ich war diesem Abenteuer zu jederzeit gerne auf der Spur.

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Wie immer möchte ich nicht weiter ins Detail gehen, da es lediglich mein Anliegen ist, euch neugierig zu machen. Wer Lust auf einen historischen Roman hat, der an Farbigkeit, Detailkenntnis, Sprachgewalt und Bilderreichtum und Spannung kaum zu überbieten sind, der sollte ins Risiko gehen und dieses Buch lesen. Taucht ein in ein fantastisches Abenteuer, für dass der Autor Steffen Kopetzky auf der Longlist für den Deutschen Buchpreis gelandet ist. 
Also, Lieblingsplatz einnehmen, Versorgung sichern und eintauchen. Ihr werdet es nicht bereuen!